Wiederaufnahme PARSIFAL in Bayreuth | 27.07.2017

Wiederaufnahme PARSIFAL in Bayreuth | 27.07.2017

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Jubel, Kreuze und ein Rätsel: Richard Wagners Oper "Parsifal" in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg geht bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen in die zweite Runde. Nach der Premiere 2016 war das Spätwerk des Komponisten am Donnerstagabend erneut zu sehen.

Diese Oper, die Wagner eigens für das Festspielhaus komponiert hatte, war fast auf den Tag genau vor 135 Jahren am 26. Juli 1882 uraufgeführt worden. Die Reaktionen im Jahr 2017: Donnernder Applaus vor allem für die Sänger und die Musiker unter Dirigent Hartmut Haenchen. Wild gerätselt wurde aber über eine Figur auf einem Stuhl, die fast das ganze Stück über reglos hoch über der Gralskirche hinter einem Gitter saß und das Treiben unten zu verfolgen schien.

Die Gralskirche liegt irgendwo in einem Krisengebiet, Naher Osten, Irak, Syrien. Hier wird der heilige Kelch bewahrt, in dem das Blut Jesu nach seiner Kreuzigung aufgefangen worden sein soll. Die Ritter rund um Titurel und später seinen Sohn Amfortas beschützen das Heiligtum, das Begehrlichkeiten weckt, vor allem bei Klingsor. Um an die Reliquie zu kommen, ist ihm jedes Mittel recht, Waffen ebenso wie List und Verführung. Vor allem auf Parsifal hat es der abtrünnige Ritter abgesehen. Der "reine Tor" soll seine Keuschheit verlieren und der sexuellen Begierde erliegen. Hilfe erhofft sich Klingsor dabei von der Gralsbotin Kundry.

Laufenberg hat seine Inszenierung mit jeder Menge religiöser Symbolik aufgeladen, deren Sinn nicht immer auf den ersten Blick klar wird. Der Beginn erinnert an ein Kirchenasyl. Flüchtlinge schlafen unter bunten Decken auf Feldbetten. Als die Gralsritter dort ihre Riten vollziehen wollen, werden die Schlafenden geweckt und müssen gehen, die Liegen unterm Arm. Ein menschengroßer Corpus Christi wird vom Kreuz abgenommen, in Tücher gewickelt, wieder angehängt und erneut heruntergenommen. Schwer bewaffnete Soldaten tauchen in regelmäßigen Abständen auf und durchsuchen alles, Maschinengewehre im Anschlag. Später wird Amfortas, der Gralsherr, mit Dornenkrone und mit den Wunden Jesu stigmatisiert auf einem runden Altar in seinem Blut liegend, während im Hintergrund der Gral schimmert.

Klingsor (gespielt von Derek Walton) erscheint im zweiten Aufzug als Kreuzfanatiker, bei dem die Wände seiner Kammer über und über mit Kruzifixen behängt sind, darunter auch eines, dessen Griff wie ein Phallus geformt ist. Symbol für männliche Dominanz im Christentum? Wie von einem Balkon blickt Klingsor in ein Hamam mit verschleierten Frauen, die sich später in sinnenfreudige Blumenmädchen verwandeln. Sie sollen Parsifal verführen. Doch Kundry verjagt sie und erzählt dem verstörten jungen Mann von seiner Mutter - einer der Höhepunkte der Oper, innig und gefühlvoll gesungen von der Sopranistin Elena Pankratova als Kundry und dem Heldentenor Andreas Schager in der Titelpartie des Parsifal. Donnernder Applaus für die beiden, ebenso wie für den Bass Georg Zeppenfeld, der als Gurnemanz alles daran setzt, Amfortas (Ryan McKinny) zu retten.

Am Ende bleibt von den ganzen Kreuzen nicht mehr viel übrig. Juden, Muslime, Buddhisten und Christen, alle legen ihre religiösen Symbole in einen Sarg. Das Göttliche, so scheint es, ist ganz anders, als es sich die Menschen so vorstellen und vielleicht sieht es so aus wie die merkwürdige Puppe, die oberhalb der Bühne hockt. Kein weißer Mann mit langem Bart, sondern eine gesichtslose Frau im grünlichen Anstaltsanzug, eine beständige Präsenz, die Rätsel aufgibt.

Erst wenn alles Religiöse beseitigt ist, gibt es die Erleuchtung. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch im Zuschauerraum mit seinen hölzernen Klappstühlen geht noch während der Schlussszene langsam das Licht an.

dpa, Bayreuth 2017
 

In Bayreuth wird die Wiederaufnahme des "Parsifal" bejubelt.

Wagners "Parsifal" ist für das Bayreuther Festspielhaus maßgeschneidert. Hier, auf dem Grünen Hügel, liegt die Spielstätte für diese Oper, hier wurde sie 1882 uraufgeführt. Man versteht warum, wenn man sich in der aktuellen Spielserie der Festspiele dem Orchester im verdeckten Graben unter Hartmut Haenchen ausliefert. Haenchen ist eine jener Glücksfall-Personalien, die es in Bayreuth öfter gibt. Schon im Vorjahr hat der Dirigent hier den "Parsifal" geleitet und sprang für Andris Nelsons ein, der der damaligen Premiere während der Probenzeit abhandengekommen ist. Haenchen, 1943 geboren, stand lange Zeit an Orten wie Amsterdam oder Paris höher im Kurs als daheim. Dabei hätte der ausgewiesene Wagner-Könner schon viel früher nach Bayreuth gehört.

Erst ein Retter in der Not, ist er heuer ganz bei sich, dem Stück und in dessen idealem Raum angekommen. Mit einer Stunde vierzig für den ersten Aufzug erweist sich die Gangart als eher zügig denn weihevoll. Und dann wird bei der zweiten Gralsenthüllung doch der Raum mit aller Klangpracht ausgefüllt, ohne dass es ins Lärmen kippt: grandios!

Eine Idealbesetzung

Dazu die Besetzung: von wegen Krise des Wagner-Gesangs oder Fehlbesetzungen auf dem Grünen Hügel. Besser als in diesem Jahr geht es kaum. Wenn aus dem Parsifal Andreas Schager das "Amfortas! Die Wunde!" herausbricht, geht einem das durch Mark und Bein - wobei der Aufschrei immer noch Gesang bleibt. Die Stimme des österreichischen Tenors besitzt enorme Strahlkraft (mit Betonung auf beiden Silben) und zunehmend auch die gestalterische Leidenssubstanz, die es für einen überzeugenden und berührenden Parsifal braucht. Dazu kommt, dass er sich wie ein Mensch auf der Bühne bewegen kann. Georg Zeppenfeld ist als Gurnemanz längst eine Klasse für sich, Elena Pankratova eine glutvoll verführerische und leidende Kundry der Extraklasse. Dazu Ryan McKinny als Amfortas, Derek Welton als Klingsor und Günther Groissböck als Luxus-Einspringer in der Rolle des Titurel. Was sollte da - und wo - besser zu machen sein?

Bei der Wiederbegegnung mit der Inszenierung von Theater-Routinier Uwe Eric Laufenberg erweisen sich deren Vorzüge als deutlich gewichtiger als die Einwände. Den notorischen Kunstprovokateur Jonathan Meese hatte man in Bayreuth ja dann doch nicht riskiert. Dafür hat Wien jetzt Meeses "Parsifal"-Expedition genießen (beziehungsweise aushalten) dürfen. In Bayreuth ist Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, zu einer Reise in einen Kirchenraum im Nahen Osten aufgebrochen: Es geht ins Hamam und dann ins Paradies, am Ende kommt man im Zuschauerraum bei einer Kritik des hellen Lichtes der Vernunft an allen Religionen an - auch mit nackten Tatsachen. Ein zelebriertes Bühnenweihfestspiel ist das nicht, sondern ein handfestes Theater, das zu packen versteht. Auch dafür gab es überwiegend Zustimmung.

Joachim Lange, Wiener Zeitung, 28.07.2017

Um Erbarmen fleht Ryan McKinny mit orgelndem Bass. Als Amfortas trägt der muskulöse Sänger bei der Gralsenthüllung nichts außer einem Lendenschurz und einer Dornenkrone. Kein Erbarmen hingegen verdient die Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg. Er verortet Wagners Erlösungsdrama an einem Kriegsschauplatz irgendwo im Nahen Osten. Gisbert Jäkel hat ihm dafür als Einheitsraum ein zerbombtes Kirchenschiff gebaut, in dem sich Flüchtlinge, Soldaten und Mönche tummeln. Im zweiten Aufzug flirten Klingsors Zaubermädchen mit dem kriegsmüden Parsifal in einem türkischen Hammam, erst als tief verschleierte Klageweiber, dann als orientalische Bauchtänzerinnen.

Doch der von Laufenberg intendierte Clash der Kulturen zwischen Christentum und Islam bleibt an der Oberfläche, Klischee und pure Behauptung. Schließlich nutzte Wagner das religiöse Brimborium im "Parsifal" nur zur Erörterung tiefer liegender Probleme. Den ganzen Abend über lässt Laufenberg aufdringlich mit religiösen Symbolen hantieren, vor allem mit dem Christus-Kreuz. Am Ende versackt sein Passionsspiel in einer Kitschorgie mit nackten Jungfrauen im Paradiesgärtlein, mit Multikulti und Weltfriedens-Vision. Ein Bayreuther Betriebsunfall, diese kunstgewerbliche Inszenierung, die man rasch in der Mottenkiste verschwinden lassen sollte.

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Dirigent Hartmut Haenchen bietet im zweiten Jahr dieser Produktion eine sorgfältig ausgearbeitete, textkritische "Parsifal"-Lesart, flüssig im Duktus, kristallklar im Klang und trennscharf in den Registern. Mit heiliger Nüchternheit treibt Haenchen Wagners Bühnenweihfestspiel alle Weihe aus; besonders schön gelingen ihm die kammermusikalischen Momente im dritten Aufzug. Fließend, weich und sängerfreundlich klingt der späte Wagner bei Haenchen, allein es fehlen markante Höhepunkte. Und das liegt ganz sicher nicht am prachtvollen Festspielchor. Aus dem Ensemble ragt der neue Klingsor des stimmgewaltigen Derek Welton, der für den im Januar überraschend verstorbenen Gerd Grochowski nachgerückt ist. Aber alle anderen überragt einmal mehr der unvergleichliche Georg Zeppenfeld, der die Riesenpartie des Gurnemanz mit balsamischer Bassesfülle und vorbildlicher Textausdeutung gestaltet. Mit welcher Natürlichkeit, Glaubwürdigkeit und Intensität dieser uneitle Sänger seine Rolle zum Leben erweckt, das hat wirklich Festspiel-Format.

Fridemann Leipold, Bayrischer Rundfunk, 28.07.2017

Es beginnt mit einem Flug durch ein paar Galaxiennebel, dann links an der Sonne vorbei und schon taucht er auf, der blaue Planet. Ein Zoom auf dessen Oberfläche, irgendwo in den Nahen Osten, durch eine Kuppel in eine Kirche, und man ist angekommen in Uwe Eric Laufenbergs Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung.

Nicht nur räumlich verortet diese Videoprojektion den "Parsifal", sondern auch ästhetisch: Laufenberg operiert durchgehend im Fotorealismus-Modus. Aus Wagners mystisch verworrenem Weihspiel hat er eine Blockbuster-Religionsabbildung gesponnen, in der die Gralsritter als schwerbewaffnete Soldaten auftreten und Amfortas zur astreinen Jesus-Kopie wird, samt Wunde, aus der das Blut in den Gral fließt, der den Gralsrittern und Ordensbrüdern wiederum Heil spendet. Das ist erst einmal ganz schon fordernd. Denn wie das so ist mit der Blockbuster-Ästhetik, wird kein Klischee ausgelassen, um die erzähltechnisch gewollte Eindeutigkeit zu erreichen. Völlig unbeeindruckt wirkt im Vergleich zur Inszenierung der Dirigent Hartmut Haenchen. Der sprang im vergangenen Jahr kurzfristig für Andris Nelsons ein und legt auch in diesem Jahr eine Gelassenheit an den Tag, die dieser Musik ausgesprochen guttut. Wagners letzte Opernpartitur, die keine Oper, sondern ein Weihspiel sein soll, ist löchrig, suggestiv, mystisch und doch voll kühner harmonischer Einfälle. Aber Haenchen beginnt schon die ersten aufsteigenden Bläsertöne des Vorspiels im Tempo metronomartig und geradlinig. Er will hier nichts vernebeln und das Orchester nicht zur weihrauchspuckenden Überwältigungsmaschine machen, sondern die Musik klar und aus sich selbst heraus ihre Wirkung tun lassen.

Das funktioniert besonders im ersten Aufzug, denn dort trägt Georg Zeppenfeld großartig als Gurnemanz die Handlung. Der ist in dieser Vorstellung Haenchens Bruder im Geiste: Klar verständlich singt er, ganz verschmolzen mit dem Orchester und immer ein wenig dozierend und predigend, was die Rolle auch hergibt und belebt. ....

Der psychologische Realismus Zeppenfelds fungiert in dieser Inszenierung als Schlüssel. Denn man muss sich einlassen auf Laufenbergs naturalistische Symbol-Verliebtheit. Zeppenfeld vermag den Zuschauer dabei an die Hand zu nehmen. Etwa zu den verschleierten Burkaträgerinnen, die sich zu einer klischeehaften Schar von Verführerinnen in neonfarbiger Bauchtänzerkleidung verwandeln oder zu Amfortas, der zittrig und blutüberströmt im weißen Lendenschurz mit Dornenkrone vor einem Kreuz steht. In guten Momenten funktioniert diese Überinszenierung auf ähnlich überspitzte Art wie etwa die hypersymbolische Ästhetik der Band Laibach. In den schlechteren wirkt es eher wie eine bedeutungstrunkene Altherrenfantasie. Doch dann bleibt immer noch die toll gespielte Musik.

Rita Argauer, Süddeutsche Zeitung, 31.07.2017