Giuseppe Verdi

Rigoletto

19.01.2019
Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Musikalische Leitung:
Will Humburg
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Gisbert Jäkel
Kostüme:
Andrea Schmidt-Futterer
Mit:
Der Herzog von Mantua | Ioan Hotea * Rigoletto | Vladislav Sulimsky (IMF: Ludovic Tézier) * Gilda | Cristina Pasaroiu * Sparafucile | Young Doo Park * Maddalena | Silvia Hauer * Graf von Monterone | Thomas de Vries * Marullo | Daniel Carison * Borsa | Erik Biegel * Graf von Ceprano | Frederic Mörth * u.a.
Chor:
Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Orchester:
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Termine:

19. Januar 2019 - Premiere
26. Januar 2019
01. / 06. / 09. / 17. Februar 2019
31. Mai 2019 - Internationale Maifestspiele (IMF)
2. / 21. / 28. Juni 2019

Rigoletto

Rezensionen:

Die Welt der Unbehausten - Uwe Eric Laufenberg inszeniert „Rigoletto“ in Wiesbaden ganz ohne Blut- und Meuchelorgien.
Keine Vorlage für Schaurigkeiten samt regielichem basso sexissimo bietet in der Neuinszenierung der Staatsoper Wiesbaden Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Der Hofnarr, Profiteur und Agent Provocateur im Dienste einer wölfischen Lebewelt, der meint, sein Heiligstes in Gestalt der Unschuld seiner Tochter bewahren zu können; das kurzzeitige Auflodern einer tiefergehenden Liebe des Herzogs; der Auftragsmörder, der auch eine Ehre hat; die Geschändete, die sich für den Täter opfert. Das hat Intendant Uwe Eric Laufenberg nicht als platte Schwarz-Weiß-Zeichnung verwirklicht.
Palazzo im Stil des Vittorio-Emanuele-Empire, bescheidene Hinterhausfensterfront und Wohnwagen im Abbruchgelände (Bühne: Gisbert Jäkel) sind die Schauplätze einer glamourösen, häuslich zurückgezogenen und zerfallenden, unbehausten Welt. Zuletzt ist der Ort eine Mülltonne, in der die erstochene Gilda landet. Ein zwingendes Bild für die aus dem Weg zu räumenden Abfälle, an denen Täter wie Opfer ihren Anteil haben.
So war es mit allen szenischen Abläufen des Wiesbadener Abends: keine Blut- und Meuchelorgien, sondern zunächst ausgelassene, ein bisschen zynische jeunesse dorée, smart und fesch. Der Herzog und seine Entourage kaum sozial markiert: adrette Casual-Garderobe, beim Ball mit dem weiblichen Hostessen-Schwarm mal etwas exzentrischer, ansonsten immer unauffälliges up-to-date. Allein die Clowns-Figurine, mit der Rigoletto im Salon agiert und dann, wie als Gag, die jungen Hofmänner nach der Entführung seiner Tochter als Society-Clowns-Zentauren, haben symbolischen Wert (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer).
Eindrücklich der zweite Akt in der Wohnung Rigolettos und Gildas, wo der Zuschauer durch die Fenster der Hausfassade beobachtender Teilnehmer ist. Zuletzt, beim Gewitter auf der Abraumhalde wie expressives Informel über ein dunkles Wolkenbild Blitz-Repetitionen zu den gellenden Holzbläser-Intonationen.
Der Abend ist maßgeblich auch einer des Dirigenten. Will Humburg, aus seiner Zeit in Darmstadt noch in bester Erinnerung, hat am Premierenabend eine packende, wie im Feuer gehärtete und zugleich glühende Interpretation vorgelegt. So wie Verdi mit der Figurenanlage im „Rigoletto“ das Feld dialektischer Artikulation betritt, so ist auch seine musikalische Sprache erweitert. Man muss nur, wie Humburg das tut, Spannung in den musikalischen Zugriffen halten, dann wird Profil und Reichtum der dabei doch immer griffig bleibenden Klangbildungen evident. Gut war es, den Orchesterleiter mit seiner weit ausladenden Gestik am unteren Bühnenrand immer im Auge zu haben: verkörperter Verdi-Klang akustisch wie optisch.
Ein Glücksfall, auch für die Differenziertheit der Regie, war die Stimme Vladislav Sulimskys in der Rolle der Titelfigur. Ein schwerer, gebrochener, zwischen Dumpfheit und Aufbäumen sich bewegender Mann. Mit einem exponierten, das Herbe streifenden Bariton, der alles an Ausdruck ermöglichte. Sehr schön und auch zur Belcanto-Figuration befähigt, der Sopran von Cristina Pasaroiu als Rigolettos vergewaltigte Tochter. Der Herzog Ioan Hoteas, wunderbar geschmeidig und durchaus ein Sympathieträger, bot einen klaren und strahlenden Tenor, der im Fortissimo noch etwas überzogen und in der Intonation dann übersteuert war. Brillant der von Albert Horne perfekt einstudierte Herrenchor in ebenso schlagkräftiger wie artistisch ausgetüftelter Schönheit.

Frankfurter Rundschau, Bernhard Uske, 22.01.2019

Verdi "Rigoletto" in Wiesbaden
"Questa o quella" schmettert Ioan Hotea als Herzog von Manuta gleich zu Beginn und gibt den schmierigen Typen. Später in seinem Ständchen für Gilda "E il sol dell’anima" schluchzt und seufzt er noch dazu - in einer statuarischen Selbstgefälligkeit. Und im dritten Akt vergewissert er sich in "La donna è mobile" noch einmal seines schändlichen Charakters. Ioan Hotea erlebt man bei der neuen Wiesbadener Inszenierung von Verdis "Rigoletto" so sehr als abgefeimten Testosteron-Tenor, dass er einem schon wieder Leid tun kann.
Der Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat keine Sympathie und Gnade für ihn, keinen Funken Nachdenklichkeit oder Zwiespältigkeit erlaubt er ihm. Nichts anderes aber sagen Libretto und Musik über den Herzog. Gisbert Jäkel hat ihm ein klassizistisches Schloss gebaut, dass sich bei genauerem Hinsehen aber als Pappmaché-Tempel sexueller Ikonographien entpuppt. Seine Heiligenbilder stammen von Helmut Newton, aus Stanley Kubricks "Clockwork Orange" und barocken Pornographiemalern. Seine größte Lust gewinnt der Herzog aber beim Schmuddelsex in einem Wohnwagen, der Behausung des Mörders Sparafucile. Man hat diesen Wohnwagen in sein Anwesen gekarrt. Von drinnen erleuchtet singt er verzückt das zweite Mal "La donna è mobile" und wird im Wagen nach draußen in ein sexuelles Nirwana gezogen.
Auch die anderen Charaktere hat Laufenberg sehr eindeutig gezeichnet. In „Gualtier Maldè“ singt Cristina Pasaroiu Rigolettos Tochter Gilda als ganz unschuldiges, unerfahrenes Wesen, das sich zum ersten Mal in ihrem Leben hat berühren lassen. Gisbert Jäkel hat sie an ein bodentiefes Fenster in mildes Licht (Andreas Frank) im 2. Stock von Rigolettos Haus gestellt, abgehoben wie ein Engel, als den ihr Vater sie ja auch bezeichnet. Das "Caro nome" ist stockend, staunend und sehnsüchtig.
Aber dieses pochende Piano und diese Herzschlag-Unruhe kommt eigentlich vom Orchester. Und auch sonst gelingt es Will Humburg, Verdis Partitur dramatisches Leben zu geben. "Rigoletto" ist hier keine Humtata-Musik und keine Tenorschlager-Musik. Was sonst ein plätscherndes Nachspiel belangloser Akkordfolgen ist, wandelt sich bei Humburg zu energischem Drang, und die Eingängigkeit der Melodien wirken bei ihm doppelbödig gespannt, von zielgerichteter böser Energie.
Während der Herzog und Gilda in dieser Inszenierung bloße Figuren sind, erlebt man die Titelfigur als eine Person von mehreren Facetten. Laufenberg stellte ihn, auch das ist folgerichtig inszeniert, immer wenn er auftaucht, in den Mittelpunkt. Denn wäre Rigoletto bloß Narr, bloß Dummkopf oder bloß blinder Rächer seiner Tochter, würde das Drama nicht in Gang kommen. Alles auf einmal verkörpert Vladislav Sulimsky und mit ihm wieder Will Humburg im Orchester am Ende des zweiten Aktes bei "Cortigiani, vil razza dannata" – "Hof schrenazen, verdammtes feiges Geschlecht. Da steht ein kräftiger, schwarz gekleideter Mann und fegt die zappelnden Hofschranzen weg, wenig später bei "Piangi, fanciulla" zerfließt er förmlich.
Und dennoch, so wie der Herzog nichts kennt außer seiner Lust – "Auch Herrscher sind Slaven Amors", kräht er im 2. Akt, kennt Rigoletto nichts als seine Tochter: "Il mio universo è in te". Solche Fixierungen zu zeigen, war wohl das eigentliche Ziel von Laufenberg, Jäkel und Humburg.

WDR3 Opernblog, Richard Lorber, 20.01.2019

Aus der Tonne in den Himmel - Nasse Höschen, tolle Stimmen: Giuseppe Verdis Oper „Rigoletto“ hatte in der Regie des Staatstheater-Intendanten Uwe Eric Laufenberg Premiere.
Der Tag der Premiere ist der Tag, an dem vor 100 Jahren zum ersten Mal in Deutschland das Frauenwahlrecht wahrgenommen wurde, und Verdis Oper „Rigoletto“ wäre gar keine so schlechte Wahl, um die Sache der Frauen auf die Bühne zu bringen. Schließlich durchlebt, durchleidet Gilda, die Tochter des Hofnarren am Hof zu Mantua, in der Männergesellschaft Formen vermeintlicher Liebe, die sie dann doch nur zum Objekt degradieren. Nachdem sich beim Herzog, dessen Palastuhr auf der Staatstheater-Bühne offenbar nur die geilen Stunden misst und diverse Koitus-Stellungen anzeigt, anfangs so etwas wie wahres Gefühl angedeutet hatte, setzt sich am Ende in Theorie und Praxis die Austauschbarkeit der Lustobjekte durch: „La donna è mobile“, die berühmte Kanzone des Herzogs, projiziert die eigene Bindungsschwäche auf das andere Geschlecht.
Rigoletto wiederum lässt textlich keinen Zweifel daran, dass das Objekt besitzergreifender Vaterliebe vor allem vom Wertverlust durch Entjungferung bedroht ist. Der Bühnenbildner Gisbert Jäkel lässt das Tor von Rigolettos Tochterbewahranstalt denn auch vielsagenden Gitterschatten werfen. Dass der Tod der Tochter angesichts solcher Beziehungen eine befreiende Note haben muss, macht der inszenierende Intendant Uwe Eric Laufenberg deutlich, indem er Gilda, die sich statt des geliebten Herzogs meucheln lässt, nach ihrem Erlösungsopferwerk ins Freie bzw. gen Himmel schreiten lässt. [...]
Als Ausdruck der Janusköpfigkeit, der Schizophrenie des traurigen Narren, äfft Rigoletto seine Mitmenschen mit einer großen Clown-Handpuppe nach. Darunter auch Monterone (Thomas de Vries), in dessen leidgeprüfter Vaterschaft er sich (zu spät) wiedererkennt.
[...] Das ätherische Wesen, das hier vorgezeichnet scheint, ist Cristina Pasaroius Gilda nicht. Die Sopranistin beglaubigt den Anspruch erwachender Sinnlichkeit mit lebendigem Spiel und einer vokalen Intensität, die wohlgesetzte Koloraturen einschließt. In Ioan Hoteas Herzog trifft sie auf einen Verführer mit schöner Träne im Timbre und in der Person von Young Doo Park auf einen bassgewaltigen Dunkelmann als Mörder. Für jene kostbaren Momente, in denen Opernfreunde eine wohlige Gänsehaut bekommen, sorgt aber vor allem Gaststar Vladislav Sulimsky, der patriarchalen Anspruch und Tragik der Titelpartie mit der Überfülle baritonalen Wohllauts ausstattet. Umwerfend!
[...] Es gibt sehr herzlichen bis stürmischen Applaus für alle Beteiligten.

Wiesbadener Kurier, Volker Milch, 21.01.2019

RIGOLETTO - Besuchte Premiere 19. Januar 2019
Intendant Uwe Eric Laufenberg siedelt seine Inszenierung von Verdis Rigoletto in der Gegenwart an. Es ist eine düstere sexorientierte Männergesellschaft, die ihre Exzesse auslebt. Es gibt im ersten Bild reichlich Gelegenheit, Latex und Lackstiefel bei diversen Damen zu sehen, die dann als fleischgewordenes Mobiliar, z.B. als Stuhl oder Tisch fungieren.
Rigoletto trägt wie alle Herren schwarz, kein Narrenkostüm und ist auch nicht (wie im Libretto formuliert) missgestaltet. Dafür muss er permanent eine Clownspuppe als zweites Ego mit sich herum tragen. In seinem Habitus und seiner Körpersprache wirkt dieser Rigoletto eher wie ein Mafiosi oder ein Preisboxer. Offenkundig macht diese Clownspuppe die Höflingen auf die Dauer so aggressiv, dass zur Verhöhnung von Rigoletto jeder Höfling im 2. Akt einen Clownskopf vor dem eigenen Gemächt trägt! Was für ein böser, genialer Einfall!
Der Herzog ein Sexbessesener, reißt sich vor lauter Geilheit sein Hemd vom Leib und schmettert dann halbnackt seine Cabaletta, als er zuvor Gilda auf einer Bühne als Sexbeute präsentiert bekommen hat. Auch das hat eine große Grausamkeit, wird doch Gilda vor einer großen phallischen Skulptur bloß gestellt. Auf, auf zu Herzogs Schäferstündchen. Und das soll Liebe sein?
Zwischen den Personen gibt es reichlich spannungsvolle Abläufe. Immer wieder werden die Protagonisten exakt zu Verdis genialer Musik geführt.
Auftragskiller Sparafucile haust in einem herunter gekommenen Wohnwagen nebst Müllhalde mit seiner Schwester Maddalena. Alles reichlich schäbig und „garniert“ durch einige spärlich bekleidete Stricherinnen, die mit Schirmen anzeigen, ob sie zu haben sind, als der Herzog seinen Schlager „La donna e mobile“ anstimmt.
Gilda wird nach dem Mord in die Mülltonne gesteckt. Schon Verdi musste sich mit der Zensur herumschlagen, weil diese den Sack verbieten wollte, in den Gildas Leiche gesteckt wird. Auch das spitzt Laufenberg im Sinne Verdis zu. Und wenn sie „Lassu in ciel“ (Lass mich in den Himmel) anstimmen, geht Gildas Seele mit den himmlischen Tönen Verdis nach hinten ins Schwarze, während Rigoletto an der Mülltonne bei Gildas Leichnam bleibt.
Es ist einfach großartig, wie sehr Laufenberg diesem Werk vertraut und es in gültig auf die Bühne bringt!
Ein Abend, der den Zuschauer berührt. Ein Rigoletto für die Gegenwart und die Zukunft!
Das großartige Bühnenbild, dass den Palast von Mantua tatsächlich auf die Bühne bringt, stammt von Gisbert Jäkel und die anschaulichen Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer. Auch hier vollste Entsprechung zum Bühnengeschehen, pure Erfüllung.
Auch musikalisch war das Niveau überdurchnittlich.
Als Gilda war Cristina Pasaroiu zu erleben und überzeugte mit einer recht guten Leistung, obwohl sie langsam diesem Fach entwachsen ist. Sicher bewältigt sie die Höhen bravourös, wenngleich die Koloraturen nicht immer präzise wirkten. Als Figur wirkte sie manchmal überdreht, was der Extremsituation der Gilda, ihr eingesperrt sein signalisieren soll, dann aber auch hingebungsvoll verzweifelt.
In der Titelpartie agierte Vladislav Sulimsky mit imponierend kernigem, raumgreifenden Bariton, der sich im Fortissimo steigerte und dann immer wieder zu wundersamen Piani fand. Ausdauernd in der fordernden Partie zog er alle stimmlichen Register, um seinem Rigoletto intensiven stimmlichen Raum zu geben. Sehr wütend und aufbrausend schmetterte er sein „Cortigiani“, als gäbe es kein Morgen mehr.
Als Herzog gefiel der frisch drauf los singende Ioan Hotea. Beeindruckend, wie leicht er die vielen Anforderungen seiner Partie mühelos bewältigte. Immer wieder differenzierte er seinen Gesang aus.
Eine sehr gute Rolle für Young Doo Park ist der Sparafucile. Hier kann er die Vorzüge seines klangvollen Basses gut zur Geltung bringen. Ihm zu Seite sang Silvia Hauer zuverlässig eine schöne, sehr jugendliche Maddalena. Eine Klasse für sich war wieder einmal der großartige Thomas de Vries, der als Monterone stimmliche Dominanz bestechend ausagieren konnte.
Chordirektor Albert Horne hat seinen Herrenchor exakt vorbereitet, so dass dieser durch seine klangliche Prägnanz und stimmliche Vollmundigkeit erfreute.
Am Pult des Hessischen Staatsorchesters stand mit Will Humburg ein sehr erfahrener Dirigent des Verdi Repertoires. Im Verlaufe des Abends gewann das Orchester immer weiter an Spannung, Raffinesse und Klasse, die Balance stimmte schlussendlich und führte zu einem großen Abend.
Am Ende gab es im ausverkauften Haus bei Laufenbergs Erscheinen laute Bravostürme. Lediglich ein einzelnes, kaum zu hörendes Buh aus dem dritten Rang zielten auf den Regisseur. Ansonsten stürmische Begeisterung.

Opernforum Frankfurt, Detlev Schausten, 22.01.2019
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