Peter Tschaikowski

Pique Dame

29.01.2022
Musikalische Leitung:
Oleg Caetani (Michael Güttler)
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Rolf Glittenberg
Kostüme:
Marianne Glittenberg
Mit:
Hermann | Aaron Cawley * Graf Tomski | Almas Svilpa (IMF: Thomas de Vries) * Fürst Jeletzki / Plutus | Benjamin Russell * Lisa / Chloë | Elena Bezgodkova * Polina / Daphnis | Silvia Hauer * Gräfin | Romina Boscolo * Tschekalinski | Erik Biegel * Surin | Marek Reichert * Tschaplitzki | Julian Habermann * Mascha | Michelle Ryan
Chor:
Chor & Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Orchester:
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Termine:

29. Januar 2022 - Premiere
2. / 6. / 10. / 13. Februar 2022
4. / 19. März 2022
23. Mai 2022 - Internationale Maifestspiele (IMF)

Trailer | »Pique Dame«

Rezensionen:

[...] Nur wenige hundert Schritte liegt das Staatstheater Wiesbaden von der Spielbank in der hessischen Landeshauptstadt entfernt. So muss es mehr als reizvoll erscheinen, den 1890 am Kaiserlichen Theater in St. Petersburg uraufgeführten Dreiakter auf die Bühne des Hauses zu bringen. Sich, wenn man so will, dem Spiel der Kunst in der kritischen Öffentlichkeit zu stellen.
Natürlich ist dieser Gedanke nichts mehr als eine Koketterie. Im wahren Theaterleben gelingt dem Hausherrn und Regisseur Uwe Eric Laufenberg mit seiner Sicht auf das Seelendrama um Leidenschaft und Wahn im Spiel des Lebens ein kraftvolles, an Schauwerten übervolles Panorama menschlicher Tugenden wie Abgründe. Darüber hinaus überzeugt es durch eine mehr als passable musikalische Performance in russischer Sprache. Diese Inszenierung könnte gerade in der Stadt der historischen Affinität zur russischen Oberschicht vor 1900 dazu beitragen, die nicht begründbare Bevorzugung von Tschaikowskis Eugen Onegin außerhalb der slawisch orientierten Opernwelt zu überwinden.
Pique Dame ist als Musikdrama mit seiner plastischen Erzählstruktur und der voll ausgebildeten romantischen Orchesterlinie wahrscheinlich sein größtes Werk. Die Wiesbadener Aufführungstermine laden mithin Interessierte ein, sich selbst davon zu überzeugen. [...]
Schlicht überwältigend ist im vierten Bild die Szene mit Romina Boscolo als Gräfin, die von einem Fotoporträt überhöht wird. Es zeigt sie auf dem Gipfel ihres Ruhms als „Moskauer Venus“ in Paris. Wie die italienische Altistin in fließendem Französisch ihren Ekel vor der Welt Ah que se monde m’ennuie! erklärt und ihre Erinnerungen an eine Zeit – Quelle époque! – beschwört, in der sie „selbst vor der Marquise de Pompadour gesungen“ habe, ist ganz großes Opernkino.
Nicht viel weniger geht Lisas Abschied von dem im Spielwahn verfangenen Hermann vor einem tiefschwarzen Hintergrund mit rieselnden Schneeflocken unter die Haut. Er ist verloren, verloren und mit ihm auch ich. Nach diesen letzten Worten hüllt sie sich am Boden in ein weißes Tuch, in dem sie sich um ihre Achse dreht, dreht und dreht. Bis zum Ufer der Newa. Und in den Tod.
Last not least kostet das Theater-Vollblut Laufenberg im Finale in der Spielbank die Dramatik der Vorlage aus. Der Chor der Gäste gibt dabei mit dem ausgelassenen Lied Wir wollen trinken und Spaß haben! die Richtung vor. Hermann steigert sich im Pharo, im damals dominierenden Glücksspiel, in einen existenziellen Rausch. Um den Einsatz erhöhen zu können, klaubt er Banknoten sogar aus seinen Schuhen. Die Gnadenlosigkeit einer Gesellschaft, die sich Verluste im Casino und im Miteinander der Menschen problemlos leisten kann, macht der Regisseur quasi als Schlusspointe bewusst. Während der waidwunde Hermann aus dem Saal geschafft wird, setzt sein Gegenspieler, Fürst Jeletzki, das Spiel mit seinen Kumpanen ungerührt fort. [...]

Ralf Siepmann, o-ton.online, 30.01.2022

[...] Dass Hermann und Lisa eine schicksalhafte Liebe verbindet, bringen Aaron Cawley und Elena Bezgodkova stimmlich gut harmonierend zum Ausdruck. Cawley ist mit der Strahlkraft seines Tenors sofort präsent und verfügt über die Reserven, das hohe Level in der großen Partie bis zum Schluss zu halten. Bezgodkova strebt ihm mit ähnlicher Intensität entgegen. Einen Höhepunkt setzt Romina Boscolo als Gräfin mit ihrem furchtsamen Monolog, in dem sie mit Glatze androgyn wirkt und die Zerbrechlichkeit der vermeintlich selbstbewussten und strengen Diva fühlbar werden lässt. Für die tief liegende Partie ist ihr dunkler, teils ins Tenortimbre hineinschillernder Kontraalt ideal geeignet. [...]

Guido Holze, FAZ, 31.01.2022

Herrlich blasiert schaut das riesige Porträtfoto der Gräfin aus dem Bühnenhintergrund heraus ins Publikum. Schwarz-weiß und nostalgisch: ein Star in besseren Zeiten. Wenn die Gräfin ihr Leben aushaucht, wird das Foto immer kleiner und verschwindet schließlich: Der Spieler Hermann hatte die alte Dame, die in der Regel mit dem Rollstuhl unterwegs war, aufs Bett geworfen, um ihr das Geheimnis der drei Karten abzupressen. Mit ihrem Tod erfüllt sich eine Prophezeiung, die zur schwarzromantischen Grundierung von Peter Tschaikowskys Oper nach einer Erzählung Alexander Puschkins aus dem Jahr 1834 gehört. Wiesbadens Staatstheater-Intendant Uwe Eric Laufenberg hat sie im Bühnenbild von Rolf Glittenberg inszeniert, Oleg Caetani dirigiert. Eine kuriose Situation: Wiesbadens eigentlich als Dirigent vorgesehener Generalmusikdirektor Patrick Lange verlässt das Staatstheater, und für ihn springt Wiesbadens ehemaliger, mit Laufenberg befreundeter Generalmusikdirektor Oleg Caetani ein.
1992 hatte der 1956 geborene Sohn des Dirigenten Igor Markevitch in Wiesbaden angefangen – und das Haus nach einem Streit mit dem Orchester schon 1995 wieder verlassen. Von diesen alten Konflikten ist am Premierenabend zum Glück nichts zu spüren. Caetani führt das Ensemble, den von Albert Horne einstudierten Chor und das Orchester mit der Ökonomie einer Erfahrung, die das Glühen nicht verlernt hat. Das kommt Tschaikowskys wunderbarem Melos bereits in der Dynamik des düsteren Vorspiel zugute, und nicht zuletzt vorzügliche Orchester-Solisten, ob nun in den Holzbläsern oder im Cello, unterstützen ihren alten Chef in einer kammermusikalisch differenzierten Interpretation, die auch blechgepanzerte Wucht entfalten kann.
Absolut hörenswert ist auch die Besetzung mit der leidenschaftlichen Sängerdarstellerin Elena Bezgodkova. Ihre Lisa, in Marianne Glittenbergs Kleidern an eine glamouröse Hitchcock-Blondine erinnernd, vereint jugendliche Frische mit der Energie einer großen Liebenden. Erstaunlich, welche Beweglichkeit diese begnadete Sopranistin selbst noch auf mörderisch hohen Absätzen entfaltet. Im berückenden Duett mit Silvia Hauers Polina sorgt sie für einen der vokalen Höhepunkte des Abends. In Aaron Cawley als Hermann hat sie ein starkes Gegenüber. Schwarz gekleidet taumelt der Dunkelmann seinem Ende in Wahnsinn entgegen. Ein Außenseiter auch in ökonomischer Hinsicht, der sich mit dem Geheimnis der Gräfin emporspielen möchte und dabei die Liebe verliert. Bereits den Chor der Spaziergänger erlebt er als Phantasmagorie der Bedrohung. Die Lebensfreude des Kollektivs an „Gottes sonnigem Tag“ wird zum Vorwurf, der ihn an seinem Geisteszustand zweifeln lässt. [...]

Volker Milch, Wiesbadener Kurier, 31.01.2022

Bekanntlich hat der Kaiser in Hans Christian Andersens Märchen "nichts an", wie ein ehrlicher Kindermund als einziger zugibt. Auch die gefeierte Zarin ist unter ihrer russischen Robe in Uwe Eric Laufenbergs Deutung von Tschaikowskys "Pique Dame" am Wiesbadener Staatstheater splitterfasernackt. Ein gelungenes Bild für die süffige Dekadenz einer auf Geld, Spielsucht und Edel-Prostitution ausgerichteten vornehmen Gesellschaft, in der einem pekuniär dürftig ausgestatteten Außenseiter wie Hermann mit seiner ehrlichen Liebe zur blaublütigen Lisa keine Chance auf Glück gelassen wird. [...]
Allen voran beweist Ensemblemitglied Aaron Cawley in seiner vielfach fordernden Tenor-Partie als Hermann große Darstellungskunst, dem man seine innere Wandlung vom Außenseiter samt Aufstiegsdrang hin zum leidenschaftlich Liebenden jederzeit abnimmt. Auch die fiebrige Spielsucht - als Urvater von Dostojewskis Raskolnikow - und sein zunehmender Wahnsinn, den er besonders beim Mord an der Gräfin aufblitzen lässt, sind ihm denkwürdig gelungen, zumal seine Stimmwucht selbst in den dramatischen Spitzentönen keine Grenzen zu kennen scheint. Seine größte Widersacherin in Gestalt von Romina Boscolo als "Gräfin Pique Dame" singt und spielt in derselben Liga, die besonders in der Ruhmeshalle ihrer eigenen Erinnerungen zu Höchstform aufläuft. Benjamin Russell ist ein überaus nobler Fürst Jeletzki, Elena Bezgodkova eine ideale Lisa und Silvia Hauers Ausgestaltung der Polina in jeder Hinsicht ein stimmlicher Hochgenuss. Wunderbar auch, dass Marianne und Rolf Glittenbergs Ausstattung im effektvollen Alfed-Hitchcock-Grusel einer "Rebecca"-Wiedergängerin auf Manderley schwelgt.

Bettina Boyens, FNP, 31.01.2022

Laufenberg hatte das Glück, sängerische Interpreten verpflichten zu können, die perfekter Rollenidentifikation fähig sind. [...] Eine entzückende und ausdrucksstarke Lisa verkörperte Elena Bezgodkova und auch Benjamin Russell gab dem Fürsten Jeletzki die entsprechende Würde und Menschlichkeit, wenn er seine unermessliche Liebe zu Lisa ihr gegenüber gesteht. Die Partie des Hermann ist weder sängerisch noch darstellerisch sehr einfach, denn der zwiespältige Charakter erfordert viel Einfühlungsvermögen. Das konnte Aaron Cawley sehr gut umsetzen. [...] Für das gesamte Ensemble gab es am Ende großen Applaus!! [...] So oder so, man sollte sich immer ins Bewusstsein rufen, dass man mit Spielsucht auch alles aufs Spiel setzt. Das zeigt Tschaikowskis Oper und regt damit sehr zum Nachdenken an. Sehenswert!!!

Inge Lore Tautz, DER NEUE MERKER, 02.02.2022
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