Georges Bizet

Carmen

14.09.2019
Musikalische Leitung:
Patrick Lange
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Gisbert Jäkel
Kostüme:
Antje Sternberg (Entwürfe), Louise Buffetrille (Ausführung)
Mit:
Carmen | Lena Belkina * Don José | Sébastien Guèze (IMF: Brandon Jovanovic) * Escamillo | Christopher Bolduc (IMF: Alexey Markov) * Remendado | Ralf Rachbauer * Zuniga | Philipp Mayer * Dancaïro | Julian Habermann * Moralès | Daniel Carison * Micaëla | Sumi Hwang * Frasquita | Shira Patchornik * Mercédès | Silvia Hauer * Lillas Pastia | Thomas Braun
Chor:
Chor, Extrachor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden
Orchester:
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Termine:

14. September 2019 - Premiere
18. / 22. September 2019
4. / 10. / 12. / 20. / 26. Oktober 2019
13. November 2019
4. / 6. Dezember 2019
22. Mai 2020 - Internationale Maifestspiele (IMF)

Trailer | »Carmen«

Rezensionen:

Unter Druck - Bizets "Carmen" im Staatstheater Wiesbaden

Mit einem weiblichen Matador in einer Stierkampfarena beginnt die Neu-Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ im Staatstheater Wiesbaden. Als Film auf einer über die gesamte Bühnenöffnung gespannten Leinwand. Der Kampf geht blutig aus, und, wenn ihr nicht Toreros zu Hilfe gekommen wären, tödlich für die Protagonistin. Klischee und seine Variation – die Arena setzt sich im abstrahierten Arenenrund mit der dann bis zuletzt filmlos bleibenden Opernhandlung fort, wo Gereizte und Reizende sich in Don José und Carmencita abwechseln. Der Stoff ist unverwüstlich und in allen Konstellationen und Deutungsweisen zig-fach ausgespielt.

Wiesbadens Opernintendant Uwe Eric Laufenberg hat sich denn auch vor Vereinseitigungen des Stoffs gehütet, den erotischen Kampfplatz zwar spezifisch gewichtet, dem Publikum aber bis auf das filmische Vorspiel kreative Überflüssigkeiten erspart. Mehr Gewicht liegt auf einer Bestimmung der Titelfigur, die extravagante, fatalistische oder emanzipatorische Bezüge klein hält. Normalität der Selbstbestimmung könnte man sagen, und das passte auch gut zur Präsenz und Ausstrahlung von Lena Belkina, die wenig femme-fatale-haft, verrucht oder exotisch vermittelt wird. Matador ist sie so eher ungewollt und erliegt letztlich ja dem gereizten Stier, dessen erotisches Zeitfenster einfach länger geöffnet ist als das von Carmen, von deren maximal sechs Monaten pro Liebhaber einmal die Rede ist.

Zur Verunklarung der Kampffront hat sicherlich dazu beigetragen, dass, gegenüber der unbestimmt bleibenden Stimmgebung Belkinas, in der Sängerin der treuen Micaëla die zentrale weibliche Stimme des Abends präsent war: Sumi Hwang. Ihre beiden großen Arien beziehungsweise Duette verschoben die Gewichte der Bedeutung entschieden und machten den Druck auf Don José besonders stark. Die auf Unscheinbarkeit gestylte Sängerin legte enorme vokale Energien frei und zeigte sich in ihrer Artikulation direkt involviert. Sébastien Guèze als Don José bot die zentrale vokale Offensive der Aufführung – von seiner anfänglich kühl-überlegenen Haltung gegenüber Carmens Werben vor der Zigarettenfabrik über das Engagement in der Schmugglerkneipe bis zu den ungeahnten vokalen Emissionen, zu denen der Sänger im Zustand seiner Eifersucht und finalen Kränkung in der Lage war. Großes Volumen, Stabilität in den voll ausgeschöpften Fortissimo-Höhen bis zuletzt. Ein Muster an wohlkalkulierter Stimm-Ökonomie. Wenngleich mit schöner Stimme ausgestattet, aber zu blass und für seine Stimmlage nicht ganz passend, der Escamillo von Christopher Bolduc. Trefflich besetzt waren Frasquita und Mercédès mit Silvia Hauer und Shira Patchornik.

Über die Dichte des finalen Showdown der Oper, die kein Film toppen kann, braucht kein Wort verloren zu werden. Es wäre schon ein regieliches Kunststück hier etwas zu versemmeln. Die kahle Arena des Bühnenrunds (Bühne: Gisbert Jäckel) war der beste Rahmen. Vorher sind sehr schöne Eindrücke vor allem im Schmugglerakt zu gewinnen, wo latent amouröse, fast gehobene Kühlheit, die sich schlagartig in tosenden Wirbel verwandeln kann, vorherrscht. Von größter Wucht die gesamte Torero-Prozession des dritten Akts, in der die Bizet’schen Ohrwürmer mit einer Kraft der Ausgelassenheit exekutiert werden, die einmalig ist. Die Jugendkantorei der Evangelischen Singakademie Wiesbaden sowie Chor & Extrachor des Staatstheaters: erstklassig.

Die musikalische Leitung hatte GMD Patrick Lange, der einen markanten Ton pflegte, der Bizets koloristischen Exotismus jederzeit auf seine formidablen Bedeutsamkeiten hin transparent machte.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau, 16.09.2019
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