Richard Wagner

Parsifal

25.07.2016
Musikalische Leitung:
Semyon Bychkov (Premiere 2016: Hartmut Haenchen)
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Gisbert Jäkel
Kostüme:
Jessica Karge
Mit:
Premierenbesetzung 2016 => Amfortas | Ryan McKinny - Titurel | Karl-Heinz Lehner - Gurnemanz | Georg Zeppenfeld - Parsifal | Klaus Florian Vogt - Klingsor | Gerd Grochowski - Kundry | Elena Pankratova - 1. Gralsritter | Tansel Akzeybek - 2. Gralsritter | Timo Riihonen - 1. Knappe | Alexandra Steiner - 2. Knappe | Mareike Morr - 3. Knappe | Charles Kim - 4. Knappe | Stefan Heibach - Klingsors Zaubermädchen | Anna Siminska, Katharina Persicke, Mareike Morr, Alexandra Steiner, Bele Kumberger, Ingeborg Gillebo - Altsolo | Wiebke Lehmkuhl
Chor:
Bayreuther Festspielchor
Orchester:
Bayreuther Festspielorchester
Termine:

Sommer 2016
Sommer 2017
Sommer 2018
29. Juli 2019 - Wiederaufnahme
2., 5., 15., 19., 22., 26. August 2019

Rezensionen:

Freude am Detail - "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen

Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des "Parsifal" erzählt auch im dritten Jahr konkret von Christen inmitten islamischer Umgebung. Sie haben sich in einen von Soldaten bewachten verfallenen Tempel (Bühne: Gisbert Jäkel) zurückgezogen; am Ende fordern schutzsuchende Männer aus dem Volk an der Seite der Gralsritter den greisen Amfortas aggressiv auf, ein letztes Mal den Gral zu enthüllen. Mit Parsifals Rückkehr und dem zum Kreuz gefügten Speer lösen sich die Begrenzungen des Tempels auf und zum "höchsten Erglühen" des Grals beginnen magisch die Saal-Lampen des Festspielhauses immer heller zu leuchten. Da bekommt die Gattungsbezeichnung "Bühnenweihfestspiel" einen konkreten Sinn.

Nach dem szenisch so indifferenten "Lohengrin" tags zuvor ist man trotz mancher Überzeichnung und Entgleisung (Nackedeis unter Tropenregen zum Karfreitagsszauber) froh über eine detailfreudige Inszenierung, die etwa die rituellen Handlungen zwischen Kundry und Parsifal im dritten Aufzug mit Zärtlichkeit und Wärme auflädt, was Andreas Schager und Elena Pankratova nach den exzessiv sinnlich gesungenen Szenen im Zaubergarten - hier ein verführerischer Hamam mit Haremsdamen - ergreifend spielen.

Da spukt auch Amfortas, den Kundry hier einst verführte, leibhaftig herum: Thomas J. Mayer gestaltet ihn mit virilem Bariton großartig als Christus-Double, dem man das Blut für den Gralskelch, aus dem alle trinken, förmlich aus dem Leib schneidet. Als Klingsor weniger dämonisch, vielmehr mit schönem Bariton vital auftrumpfend ist Derek Welton. Günther Groissböck vermag seinen souveränen, mächtigen Bass für die langen Erzählungen facettenreich einzusetzen. Unter Semyon Bychkov klingt dank fließender Tempi und reich abgetönter Klangfarben schon das Vorspiel berückend. Nie lässt später die Spannung nach, selbst wenn Bychkov in der ersten Gralsszene und während der Karfreitagsszene raffiniert gedehnte Tempi wagt.

Klaus Kalchschmid, Süddeutsche Zeitung, 27.07.2018

Auch die Liebe bringt nicht wirklich Erlösung

[...] Wagner bleibt da sehr offen, kirchliche Rituale spielen eine ebenso wichtige Rolle wie ihre Überwindung. Laufenberg und sein Bühnenbildner Gisbert Jäkel setzen auf inter-, trans- und suprareligiöse Bilder, auf Dauer wie zum Selbstzweck einer funktionierenden Bühnenmaschinerie.

Der Kern des Unheils liegt leider bei Wagner selbst, der die Welthemisphären in eine christliche und eine arabische Hälfte einteilt. Die erste als Ort strenger männlicher, kulturprotestantischer Rituale, die zweite als weiblich bestimmter Ort verlockender Lüste, Märchen wie aus 1001 Nacht. Nicht jedoch Bürgerkrieg, Islamismus und verschleierte Frauen, wie es hier gezeigt wird. Schwerbewaffnete Soldaten (Kostüme: Jessica Karge) patrouillieren durch die beschädigte Kirche von Mossul, ikonografische Flüchtlingsszenarien werden gezeigt, das tote Kind am Strand (anstelle des von Parsifal erlegten Schwans), Szenen aus der Kölner Silvesternacht, bis zum Schluss Vertreter der Weltreligionen, in utopischem Frieden geeint, ihre Kultgegenstände im Sarg Titurels (Tobias Kehrer) niederlegen. Erlösung als Multikulti. Vermutlich wissen die männlichen Kartenanbieter vor der Tür nicht, dass ihnen in diesem „Parsifal“ auch viele Gelegenheiten geboten werden, das Opernglas scharf zu stellen.

Im zweiten Aufzug tauschen die Blumenmädchen den Schador flugs gegen den Bikini ein, um Parsifal im islamdekorgekachelten Bad handfest zu umgarnen. Im dritten Aufzug gönnen „der erlöste Mensch, die sündige Natur“, so heißt es in Gurnemanz’ (unermüdlich präsent: Günther Groissböck) Fazit, in Gestalt entkleideter Mädchen und Jungen sich und dem Publikum eine ausgiebige Dusche in „des Sünders Reuetränen“. Ein gewagter Kontrast nach der Szene im Altersheim, wo eine gealterte und zittrige Kundry die Bühne zu entrümpeln und den Kühlschrank zu befüllen versucht und dabei sogar einen toten Hasen zu entsorgen scheint, das Leitbild des Schlingensiefschen „Parsifal“.

Einen bedenkenswerten Aspekt in Laufenbergs Bilderflut bietet die Rolle des Amfortas (Thomas J. Meyer), jenes Königs, der die Gralsritter anführt, es aber einst mit der Keuschheit nicht so ernst nahm. Die Ritter akzeptieren es nicht, an sein Dahinsiechen gebunden zu sein. Sie fordern, zum Schluss sehr aggressiv (einmal mehr wirkungsvoll: die von Eberhard einstudierten Chöre), Kraft aus dem Gral schöpfen zu dürfen. So inszeniert sich Amfortas selbst als Erlöser, spielt die Kreuzigung Christi nach, lässt sich noch einmal selbst die Wunde beibringen, ein blutiges Ritual, das den zuschauenden Parsifal würgt.

Zum Kreuz gebunden
Überraschend tritt Amfortas auch im zweiten Akt auf, ein stummer Zeuge und Mahner, der noch einmal, es kann ja nichts mehr passieren, Kundrys Hingabe genießt, während Klingsor (markant: Derek Welton) für jeden gefallenen Gralsritter ein Kruzifix aufhängt. Trost und Rettung allein bringt die heilige Lanze. Parsifal zerbricht sie in zwei Stücke und bindet sie zum Kreuz zusammen. Der Kreuzzug kann beginnen.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse, 29.07.2018

Bauchtänzerinnen für Parsifal

[...] Wenn man den neuen, vollkommen apolitischen Bayreuther "Lohengrin" erlebt hat, der ja laut Wagner recht eigentlich in Zeiten des Säbelrasselns zwischen Ost und West spielt, ist man schon froh, wenn der zwei Jahre alte "Parsifal" zumindest nach sechs Stunden, zum Finale, eine gesellschaftspolitische Aussage von möglicher Relevanz wagt. Da nämlich wird mit Titurel im Sarg auch der Devotionalien-, Liturgie- und Kirchenspolien-Plunder entsorgt, der zuvor seinen Auftritt hatte. Ihn braucht’s nicht mehr, er hat ebenso ausgedient wie die Gralsgemeinschaft, die sich auflöst und mit den Gläubigen in alle Himmelsrichtungen verstreut – getreu einem Motto der Produktion: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir keine Religionen mehr hätten“ (Dalai Lama).

Diesen Gedanken bei dem Bühnenweihfestspiel und Hochamt „Parsifal“ zu illustrieren, hat etwas Provokantes und mag manchen auf dem Grünen Hügel in solche oder solche Erregung versetzen. Aber bis es dazu kommt, müssen erst mal weite Strecken an anderen Geschehnissen überwunden werden: Bis an die Zähne bewaffnetes Militär auf der Suche nach IS-Terroristen sowohl unter dem Kuppelbau der flüchtlingsfreundlichen Gralsbrüderschaft als auch bei dem muslimischen Klingsor, seines Zeichens Sammler von christlichen Kirchenschätzen wie Kruzifixe und eben Speer. Sollten Söder einmal die Kreuze ausgehen für Bayerns Stuben – hier wird er fündig. [...]

Rüdiger Heinze, Augsburger Allgemeine, 28.07.2018

Bayreuth: Betörende Klänge voller Mystik

Der junge Gustav Mahler schrieb nach seinem Besuch der Bayreuther Aufführung des „Parsifal“ im Juli 1883 tief bewegt an seinen Freund Fritz Löhr: „Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhaus hinaustrat, da wusste ich, dass mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war und dass ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde.“ Das wird der moderne Mensch 2018 nicht mehr ganz so empfinden, dennoch gelingen Semyon Bychkov am Pult und dem Sängerensemble in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg Momente der Gänsehaut und der Entrückung.

Im dritten Jahr ist die Personenregie verfeinert. Der Opernchor bewegt sich zielgerichtet und pünktlich um das große Gralsgefäß, Stillstand geschieht nur selten, allein das ist schon außerordentlich bemerkenswert. Semyon Bychkov betört das Publikum aus dem Orchestergraben heraus – mit Hilfe der phänomenalen Akustik – mit schwebenden Klängen, breitgefächert, ohne Hetze.

Spielort in zerstörter Kirche

Da wird das Bühnenweihefestspiel, wie es der Komponist benannt hat, exzessiv zelebriert. Man ertappt sich dabei, der Faszination dieses überhöhten Religionsgeschwurbels zu erliegen. Auch deshalb, weil Laufenberg – zumindest was die Szenerie anbelangt – nicht allzu viel abstrahiert. Der Spielort in einer zerstörten Kirche irgendwo in den verwüsteten Kriegsschauplätzen des heutigen Nahen Ostens ist real und nachvollziehbar. Ein Bettenlager mit gestrandeten Flüchtlingen füllt die Ruine, ehe die Flüchtlinge von hereinstürmenden Soldaten vertrieben werden. Grals- und Karfreitagsmystik werden ausgiebig inszeniert, alle Register sind dabei gezogen, um der großen religiösen Theatralik gerecht zu werden. Eingefleischte Wagnerianer werden es lieben, wenngleich Symbolik und mythologische Stoffe wahllos durcheinander gewürfelt sind und Fragen offenlassen. Aber was wäre schon Logik in einer solchen Oper?

Zudem ist die Besetzung vom Feinsten: Günther Groissböck gibt einen kraftvollen Gurnemanz, mit Nickelbrille wirkt er aus der Ferne jedoch oft unfreiwillig komisch. Andreas Schager ist einmal mehr ein überzeugender Parsifal, nimmt der Rolle die Naivität. Thomas J. Mayer zeigt einen gebrochenen, leidgeplagten, aber immer noch zur Wut fähigen Amfortas, mit Dornenkrone auf dem Haupt, dessen nicht heilende Wunde in einer eucharistischen Handlung angezapft wird.

Gigantischer Zoom ins Weltall

Derek Welton ist ein hasserfüllter Klingsor mit außergewöhnlicher Stimmführung. Elena Pankratova füllt die Rolle der Kundry differenziert und vielschichtig, im Zusammenspiel mit Schager gehört ihr der zweite Akt.

Videoprojektionen dürfen natürlich auch nicht fehlen – und so begibt man sich aus der Kirche mit einem gigantischen Zoom hinaus ins Weltall, umkreist erst die Planeten unseres Sonnensystems, bis ein Schwenk durch die Galaxis wieder durch das Dach der Kirchenruine führt und den Zuseher möglicherweise mit der Erkenntnis zurücklässt, dass die Zusammenhänge weit über unseren Horizont gehen. [...]

Andreas Meixner, Mittelbayerische , 28.07.2018

Viel Licht

Der "Parsifal" ist das dem Festspielhaus angemessenste Werk - der Grüne Hügel ist also sozusagen ganz bei sich, wenn es erklingt. In der positiven Hitliste der für das Haus geeigneten Werke steht es unbestritten auf dem ersten Platz. Bei der Premiere von Uwe Eric Laufenbergs Expedition in den Nahen Osten 2016 hatte sich Andris Nelsons die Chance entgehen lassen, das Ausnahmephänomen "Haus-für-ein-Werk" für sich zu überprüfen. So kam Hartmut Haenchen zu seinem (so überfälligen wie verspäteten) Hügeldebüt.

In diesem Jahr hat der Russe Semion Bychkov, der heuer auch in Wien etwa beim Jugendstil-Parsifal von Alvis Hermanis am Pult steht, im verdeckten Graben übernommen. Und überzeugt! Was auf der Bühne an szenischer Ambition in handfestem Theater mündet, beglaubigt er mit Energiedichte.

Was aber den Raum erfüllt, wirkt dennoch verdichtet, aufgeladen, wie aus einem Guss. Und bereitet vor allem dem Parsifal Andreas Schager und der Kundry Elena Pankratova den Boden für emotionale Ausbrüche. [...]

Ein ebensolcher Glücksfall ist die Hügel-Wanderschaft des deutschen Baritons Thomas Johannes Mayer vom Telramund über den Holländer und Wanderer zum leidenden Graskönig Amfortas. Den rückt er jetzt mit aller Empathie stimmlich eindrucksvoll (in dieser Inszenierung ja auch mit vollem Körpereinsatz) ins rechte Licht. Derek Welton komplettiert diese Spitzenbesetzung als verzweifelt und entschlossen suchender Klingsor überzeugend. Dazu kommen die Schar der Gralshüter, Knappen und Zaubermädchen und die fabelhaft von Eberhard Friedrich einstudierten Chöre. Die Umbesetzungen funktionieren, weil ein Regisseur wie Laufenberg vor Ort ist und seine Interpretation frisch hält. Das provozierende Potenzial seiner Pointe, in der sozusagen das Licht der Aufklärung (das den Zuschauerraum am Ende tatsächlich flutet) zumindest die Möglichkeit einer Emanzipation der Menschheit von der Unterordnung unters Göttliche andeutet, führt zu ein paar pflichtschuldigen Buhs. Ansonsten: Jubel.

Joachim Lange, Wiener Zeitung, 27.07.2018

Ein wirklich heldischer Tenor: "Parsifal"

In einem der stärksten Momente dieser Bayreuther Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg wohnt Parsifal dem grausamen Blutritual bei, dem der verzweifelte Amfortas sich auf Druck der religiösen Gemeinschaft unterziehen muss. Parsifal ist da noch förmlich ein Kind im Körper eines Erwachsenen, das sich in eine Ecke kauert und versucht, möglichst wenig von alledem mitzubekommen. Offenkundig wird Parsifal durch das unbeschreibliche Leid des Amfortas schwer traumatisiert.

Es ist ein Glücksfall, dass Andreas Schager in der Titelrolle dieses Trauma bis zum Schluss mitschwingen lassen kann. Der Österreicher ist eine idealtypische Besetzung für diese gefürchtete Rolle, übrigens auch äußerlich. Seinen hellen Tenor kann man nun wirklich einmal heldisch nennen, aber zugleich ist das Organ so schön timbriert, dass man jenseits aller bloßen Bewältigung auch gerne zuhört.

Dr. Michael Bastian Weiß, idowa, 02.08.2018

BAYREUTH
Auf Bayreuth-Regisseuren lastet viel Erwartungsdruck. Katharina Wagner löst diesen ein, wenn sie „Tristan und Isolde“ in Angsträume versetzt

Weltweit gibt es keine Inszenierungen, die so viel Beachtung erfahren und so intensiv diskutiert werden wie die Bayreuther Produktionen. Das erzeugt Erwartungsdruck. Sinnlich sollen sie sein, die Wagner-Deutungen auf dem Grünen Hügel, aber gleichzeitig neue Erkenntnis-Ansätze liefern und vor allem den „Sense of Wonder“ bedienen, die Sehnsucht nach dem Überraschenden, noch nie Dagewesenen, Wunderbaren.

Bei so viel Ansprüchen sind Enttäuschungen prädestiniert, zumal Festspielleiterin Katharina Wagner Wert darauf legt, möglichst unterschiedliche zeitgenössische Regie-Handschriften im Festspielhaus zu präsentieren. Allerdings scheint es immer schwieriger zu werden, Künstler zu finden, die Wagners Geschichten gegen den Strich lesen können und die gleichzeitig über die handwerkliche Kompetenz verfügen, ihre Konzepte auf der riesigen Bayreuther Bühne umzusetzen. [...]

„Parsifal“-Regisseur Uwe Eric Laufenberg thematisiert die Geschichte im Kontext der Erlösungsmotivik des Christentums. Amfortas leidet fürchterliche Qualen, damit die Gralsbrüder länger leben können; Eigensucht sticht Mitleid aus. Allerdings gerät die Regie im zweiten und dritten Akt in die Falle schwüler Katholizismus-Bilder. Dafür haben sich die Sänger aber wunderbar in ihre Partien eingearbeitet: Andreas Schager als jungenhafter Parsifal mit heldischem Tenor, der auch weiche Töne findet; Günther Groissböck als Gurnemanz mit schwerem Bass, Derek Welton als geschmeidig-gefährlicher Klingsor und allen voran Elena Pankratova, die als Kundry stimmlich und darstellerisch das ganze Universum des Frauseins zwischen Opfer und Täterin durchmisst. Semyon Bychkov dirigiert die Partitur wie Schöpfungsmusik.

Wagners Opern sind lang und komplex. Entsprechend braucht man bei guten Inszenierungen mehrere Durchgänge, um sie zu entschlüsseln. Auch die Sänger benötigen eigentlich mehrere Runden, um sich in ihre Partien zu finden. [...]

Monika Willer, Westfalenpost, 31.07.2018

Es ist die von den Feuilletons eher geschmähte „Parsifal“-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, die am deutlichsten Wagners Gesellschaftsutopie umsetzt. Das Nacktbaden im Regenwald der Karfreitagsaue befreit die schuldbeladenen zu fürsorglichen Menschen. Die Insignien verschiedenster Religionen werden im Sarg des Gralskönigs versenkt, sie haben ausgedient, sobald der innere Gehalt von Religion gelebt wird: die Nächstenliebe.

Vielleicht gerät das Schlussbild der vereinten Nationen und Generationen etwas kirchentagsmäßig, aber es erdet Wagners sublime Festspielchöre sinnhaft. Andreas Schager singt Parsifal, den Enthüller solchen Gralssinns, mit natürlich frischem Tenor, Elena Pankratova ist eine Kundry von sinnlich-glänzender Stimmfülle und Georg Zeppenfeld als Gurnemanz ein in Basskraft wohlartikuliert zupackender Wegweiser seiner Gemeinde. Viel Applaus auch hier. Wagners Festspiele haben funktioniert. Der Skandal wartet in der Wirklichkeit.

Andreas Berger, Braunschweiger Zeitung, 29.08.2017

Bayreuth: „Parsifal“ in Bayreuth

„Nichts mit Waldlichtung und Zaubergarten: Der aktuelle „Parsifal“ spielt sich meist in einer halb zerschossenen Kirche irgendwo im Nahen Osten ab. Im Zeitalter des Terrors von Gotteskriegern, so das Konzept des Regisseurs Uwe Eric Laufenberg, lässt sich die Geschichte der Gralsritter nicht mehr nur als realitätsfern-mystisches Brimborium erzählen. Bei solchen Regie-Ideen empört sich die Hardcore-Fraktion der Wagnerianer normalerweise lautstark. Doch, oh Wunder, viele Erbwächter auf dem Grünen Hügel sind – wie Parsifal mit Wagners Worten – „welthellsichtig“ geworden: Das Publikum feierte den runderneuerten Nahost-„Parsifal“.

Die Festspielgemeinde hat mit Wagners letzter Oper ja schon Vieles durchgemacht: Unvergessen Christoph Schlingensiefs Voodoo-Version, auch Stefan Herheims historisch komplexe Lesart setzte Maßstäbe. Nun also Laufenberg: Es scheint, als ob er seine Inszenierung für die zweite Auflage ein wenig entrümpelt hat. Trotz zwei zentraler Umbesetzungen funktioniert die Sache: Andreas Schager als neuer Parsifal geht, auch wenn er zuweilen presst, viel expressiver, heldentenoraler zur Sache als Vorgänger Klaus Florian Vogt.

Nach dem Tod von Gerd Grochowski musste auch der Klingsor neu besetzt werden, den Derek Welton von der Deutschen Oper Berlin mit markantem Bassbariton solide meistert. Ganz zu schweigen von Laufenbergs Stamm-¬Crew. Elena Pankratova etwa: Der russischen Sopranistin gelingt das Kunststück, alle Wandlungen – von der femme fatale bis zur demütigen Dienerin – stimmlich und schauspielerisch stark über die Rampe zu bringen. Nicht zu vergessen: Ryan McKinny (Amfortas) berührt mit dringlicher Intensität, Georg Zeppenfeld (Gurnemanz) beeindruckt als stimmgewaltiger Erzähler.

In sich schlüssig
Die Inszenierung fährt Einiges auf: Der Held wird von Harems¬damen im Hamam-Planschbecken verführt, zwischendrin ¬beamt uns die Regie von der syrisch-irakischen Grenzregion ins Weltall, und Parsifal taucht auch schon mal im Ninja-Kostüm auf. Dennoch: Die religionskritische Friedensbotschaft am Schluss – wenn Christen, Juden, Muslime und Buddhisten ihre Glaubenssymbole ablegen und in einen Sarg betten – wirkt streitbar und in sich schlüssig.

Glänzend vor allem Hartmut Haenchen am Pult: Sein farbenprächtiger Sound – übrigens fast so zügig wie Rekordhalter Pierre Boulez - ist umwerfend. Bittersüße Chromatik, grandioser Grals-Glockenklang, betörender Karfreitagszauber. Großer Jubel.“

Otto Paul Burkhardt, Südwest Presse, 29.07.2017

Wagners Parsifal bewegt und berührt
Das Bühnenweihfestspiel in Bayreuth stimmt die Zuschauer nachdenklich. Die Rollen wurden mit glücklichster Hand neu besetzt.

„Bayreuth. Dieser Weg war kein leichter, er war steinig und schwer. Da gehen 2016 bei der neu aufzulegenden Parsifal-Inszenierung erst der Regisseur, dann der Dirigent von der Fahne. Dem Neuen, Uwe Eric Laufenberg, blieb nicht übermäßig viel, dem freilich Parsifal-erfahrenen Dirigenten Hartmut Haenchen gar bedenklich wenig Vorbereitungszeit. Und als ein Jahr vergangen war, hat man nachjustiert, nachgeschärft und die zwei großen Rollen Parsifal und Klingsor (wegen eines Todesfalls) mit glücklichster Hand neu besetzt. Kein Wunder, dass schon nach dem packenden zweiten Akt der erste Applaussturm durch das Festspielhaus fegt, er kehrt nach dem dritten als Buh-freier Orkan wieder.

Zurück zu den Ursprüngen
Anders als Stefan Herheim (dieser hatte 2008 den Stoff vieldimensional mit der Geschichte Deutschlands und der Wagners verwoben) wählte Laufenberg einen naturalistischeren, konventionelleren Weg. Er lokalisiert Montsalvat im Nahen Osten, der Wiege der Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam.
Ein Videozoom im Stil von Google Earth – besser Google Space – gemahnt an Schiller: „Brüder, über’m Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“. Die Burgkapelle der Gralshüter ist beschädigt, ihre Glaubensgemeinschaft ist bedroht. Immer wieder patrouillieren und sichern Soldaten, sie scheinen wie von der US Army im benachbarten Grafenwöhr abgeordnet. Das Zauberschloss erscheint als ein im orientalischen Stil blau gekacheltes Hamam über dem Klingsor seinem Kreuze-Fetisch frönt. Er agiert auch mal unselig als Flagellant.
Im dritten Akt sind wir wieder in der von Pflanzen überwucherten Kirche, sie öffnet sich zum Karfreitagswunder, das von glücklich tänzelnden Evas in einer FKK-Urwald-Regendusche gefeiert wird – die Kitsch-Grenze kommt in Sichtweite.

Grandiose Solisten
Wie 2016 gibt Georg Zeppenfeld den souveränen, geradlinigen, weisen Ritter-Chef Gurnemanz. Sonor und geerdet seine unangestrengte Stimme, glasklar die Artikulation, suggestiv seine Erzählkunst. Sie geht auch nicht verloren, wenn er später gealtert im Rollstuhl sitzt. Einspringer Günther Groissböck singt den körperlich gebrochenen, aber seelisch starken Titurel. Ryan McKinny verkörpert zwingend den leidenden Amfortas mit Dornenkrone und Stigmata, stimmlich trägt er etwas zu viel Vibrato auf.“

Peter K. Donhauser, Mittelbayerische Zeitung, 28.07.2017

Jubel, Kreuze und ein Rätsel: Richard Wagners Oper "Parsifal" in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg geht bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen in die zweite Runde. Nach der Premiere 2016 war das Spätwerk des Komponisten am Donnerstagabend erneut zu sehen.

Diese Oper, die Wagner eigens für das Festspielhaus komponiert hatte, war fast auf den Tag genau vor 135 Jahren am 26. Juli 1882 uraufgeführt worden. Die Reaktionen im Jahr 2017: Donnernder Applaus vor allem für die Sänger und die Musiker unter Dirigent Hartmut Haenchen. Wild gerätselt wurde aber über eine Figur auf einem Stuhl, die fast das ganze Stück über reglos hoch über der Gralskirche hinter einem Gitter saß und das Treiben unten zu verfolgen schien.

Die Gralskirche liegt irgendwo in einem Krisengebiet, Naher Osten, Irak, Syrien. Hier wird der heilige Kelch bewahrt, in dem das Blut Jesu nach seiner Kreuzigung aufgefangen worden sein soll. Die Ritter rund um Titurel und später seinen Sohn Amfortas beschützen das Heiligtum, das Begehrlichkeiten weckt, vor allem bei Klingsor. Um an die Reliquie zu kommen, ist ihm jedes Mittel recht, Waffen ebenso wie List und Verführung. Vor allem auf Parsifal hat es der abtrünnige Ritter abgesehen. Der "reine Tor" soll seine Keuschheit verlieren und der sexuellen Begierde erliegen. Hilfe erhofft sich Klingsor dabei von der Gralsbotin Kundry.

Laufenberg hat seine Inszenierung mit jeder Menge religiöser Symbolik aufgeladen, deren Sinn nicht immer auf den ersten Blick klar wird. Der Beginn erinnert an ein Kirchenasyl. Flüchtlinge schlafen unter bunten Decken auf Feldbetten. Als die Gralsritter dort ihre Riten vollziehen wollen, werden die Schlafenden geweckt und müssen gehen, die Liegen unterm Arm. Ein menschengroßer Corpus Christi wird vom Kreuz abgenommen, in Tücher gewickelt, wieder angehängt und erneut heruntergenommen. Schwer bewaffnete Soldaten tauchen in regelmäßigen Abständen auf und durchsuchen alles, Maschinengewehre im Anschlag. Später wird Amfortas, der Gralsherr, mit Dornenkrone und mit den Wunden Jesu stigmatisiert auf einem runden Altar in seinem Blut liegend, während im Hintergrund der Gral schimmert.

Klingsor (gespielt von Derek Walton) erscheint im zweiten Aufzug als Kreuzfanatiker, bei dem die Wände seiner Kammer über und über mit Kruzifixen behängt sind, darunter auch eines, dessen Griff wie ein Phallus geformt ist. Symbol für männliche Dominanz im Christentum? Wie von einem Balkon blickt Klingsor in ein Hamam mit verschleierten Frauen, die sich später in sinnenfreudige Blumenmädchen verwandeln. Sie sollen Parsifal verführen. Doch Kundry verjagt sie und erzählt dem verstörten jungen Mann von seiner Mutter - einer der Höhepunkte der Oper, innig und gefühlvoll gesungen von der Sopranistin Elena Pankratova als Kundry und dem Heldentenor Andreas Schager in der Titelpartie des Parsifal. Donnernder Applaus für die beiden, ebenso wie für den Bass Georg Zeppenfeld, der als Gurnemanz alles daran setzt, Amfortas (Ryan McKinny) zu retten.

Am Ende bleibt von den ganzen Kreuzen nicht mehr viel übrig. Juden, Muslime, Buddhisten und Christen, alle legen ihre religiösen Symbole in einen Sarg. Das Göttliche, so scheint es, ist ganz anders, als es sich die Menschen so vorstellen und vielleicht sieht es so aus wie die merkwürdige Puppe, die oberhalb der Bühne hockt. Kein weißer Mann mit langem Bart, sondern eine gesichtslose Frau im grünlichen Anstaltsanzug, eine beständige Präsenz, die Rätsel aufgibt.

Erst wenn alles Religiöse beseitigt ist, gibt es die Erleuchtung. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch im Zuschauerraum mit seinen hölzernen Klappstühlen geht noch während der Schlussszene langsam das Licht an.

dpa, Bayreuth, 28.07.2017

In Bayreuth wird die Wiederaufnahme des "Parsifal" bejubelt.

Wagners "Parsifal" ist für das Bayreuther Festspielhaus maßgeschneidert. Hier, auf dem Grünen Hügel, liegt die Spielstätte für diese Oper, hier wurde sie 1882 uraufgeführt. Man versteht warum, wenn man sich in der aktuellen Spielserie der Festspiele dem Orchester im verdeckten Graben unter Hartmut Haenchen ausliefert. Haenchen ist eine jener Glücksfall-Personalien, die es in Bayreuth öfter gibt. Schon im Vorjahr hat der Dirigent hier den "Parsifal" geleitet und sprang für Andris Nelsons ein, der der damaligen Premiere während der Probenzeit abhandengekommen ist. Haenchen, 1943 geboren, stand lange Zeit an Orten wie Amsterdam oder Paris höher im Kurs als daheim. Dabei hätte der ausgewiesene Wagner-Könner schon viel früher nach Bayreuth gehört.

Erst ein Retter in der Not, ist er heuer ganz bei sich, dem Stück und in dessen idealem Raum angekommen. Mit einer Stunde vierzig für den ersten Aufzug erweist sich die Gangart als eher zügig denn weihevoll. Und dann wird bei der zweiten Gralsenthüllung doch der Raum mit aller Klangpracht ausgefüllt, ohne dass es ins Lärmen kippt: grandios!

Eine Idealbesetzung

Dazu die Besetzung: von wegen Krise des Wagner-Gesangs oder Fehlbesetzungen auf dem Grünen Hügel. Besser als in diesem Jahr geht es kaum. Wenn aus dem Parsifal Andreas Schager das "Amfortas! Die Wunde!" herausbricht, geht einem das durch Mark und Bein - wobei der Aufschrei immer noch Gesang bleibt. Die Stimme des österreichischen Tenors besitzt enorme Strahlkraft (mit Betonung auf beiden Silben) und zunehmend auch die gestalterische Leidenssubstanz, die es für einen überzeugenden und berührenden Parsifal braucht. Dazu kommt, dass er sich wie ein Mensch auf der Bühne bewegen kann. Georg Zeppenfeld ist als Gurnemanz längst eine Klasse für sich, Elena Pankratova eine glutvoll verführerische und leidende Kundry der Extraklasse. Dazu Ryan McKinny als Amfortas, Derek Welton als Klingsor und Günther Groissböck als Luxus-Einspringer in der Rolle des Titurel. Was sollte da - und wo - besser zu machen sein?

Bei der Wiederbegegnung mit der Inszenierung von Theater-Routinier Uwe Eric Laufenberg erweisen sich deren Vorzüge als deutlich gewichtiger als die Einwände. Den notorischen Kunstprovokateur Jonathan Meese hatte man in Bayreuth ja dann doch nicht riskiert. Dafür hat Wien jetzt Meeses "Parsifal"-Expedition genießen (beziehungsweise aushalten) dürfen. In Bayreuth ist Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, zu einer Reise in einen Kirchenraum im Nahen Osten aufgebrochen: Es geht ins Hamam und dann ins Paradies, am Ende kommt man im Zuschauerraum bei einer Kritik des hellen Lichtes der Vernunft an allen Religionen an - auch mit nackten Tatsachen. Ein zelebriertes Bühnenweihfestspiel ist das nicht, sondern ein handfestes Theater, das zu packen versteht. Auch dafür gab es überwiegend Zustimmung.

Joachim Lange, Wiener Zeitung, 28.07.2017

Mitten ins Fleisch: Uwe Eric Laufenbergs „Parsifal“ geht mit den großen Weltreligionen ins Gericht

Ein „Parsifal“ auf dem Grünen Hügel bedeutet für den Zuhörer gute sechs Stunden Musiktheater. In Bayreuth, so hatte es Wagner bei den ersten Festspielen 1876 verfügt, dauern die Pausen zwischen den Akten nämlich eine Stunde, damit den Besuchern ausreichend Zeit bleibt, sich von den harten Holzbänken im Festspielhaus zu erholen. Über die gepfefferten Preise der Festspielgastronomie sei an dieser Stelle kein Wort verloren.

Der Operngenuss mittels Livestream oder Kinoübertragung bietet in dieser Hinsicht zumindest einige Annehmlichkeiten. Wenngleich der Musikgenuss an historischer Stätte natürlich durch nichts zu ersetzen ist, lässt sich mittels HD-Fernseher und Hifi-Anlage im heimischen Wohnzimmer zumindest ein bisschen Bayreuth-Feeling erzeugen. Fenster zu, Rolläden runter, Ventilator oder Klimaanlage aus, und schon lässt sich an einem schwülen Montag wie im Festspielhaus schwitzen.

So ließe sich der neue Bayreuther Parsifal plakativ überschreiben. Uwe Eric Laufenberg offeriert dem Publikum einen „Parsifal“, der nicht nur einen neuen Blick auf den Klassiker eröffnet. Der Regisseur versäumt bei allen inszenatorischen Kunstgriffen nicht, den Kern der Geschichte, insbesondere das vertrackte Beziehungsgeflecht zwischen Parsifal, Kundry, Amfortas und Klingsor, mit spielerischen Mitteln lebendig zu erzählen. Damit steht die Inszenierung in einer Reihe mit Dmitri Tcherniakovs Berliner „Parsifal“, der bei aller Progressivität aber den Boden der Wagner’schen Fabel kaum verlässt.

Laufenberg dagegen erzählt nicht bloß die Handlung in modernen Bildern nach, sondern artikuliert inszenatorisch eine scharfzüngige Religionskritik, wie sie in dieser unmittelbaren Form in der Parsifal-Deutung bisher nicht zu sehen gewesen ist. Er stellt unter ästhetischen Verweisen auf Wagners Bühnenreligion und den Auseinandersetzungen des Komponisten mit Christentum, Buddhismus und Hinduismus, die sich nicht zuletzt in der sich wandelnden Figur Kundry widerspiegeln, das philosophische wie soziale Gesamtkonstrukt „Religion“ infrage. Religion versetzt Menschen in Abhängigkeiten. Religion kann schmerzen. Religion verursacht Kriege. Religion tötet.

Laufenbergs „Parsifal“, der 1881 in Bayreuth uraufgeführt wurde, spielt im Hier und Heute. Geografisch verordnet der Regisseur den Schauplatz ins Dreistromland, direkt an die Wiege des Christentums. Der Intendant des Staatstheaters Wiesbaden setzt sich wie kaum ein Parsifal-Regisseur zuvor mit religiösem Fanatismus auseinander. Dem Regisseur geht es allerdings, anders als im Vorfeld kolportiert, keineswegs um die Kritik an einer bestimmten Religion. Vielmehr beschreibt der Theatermacher, wie dieser Tage Gewalt und Kriege im Namen großer Weltreligionen legitimiert werden.

Ursprünglich wollte Laufenberg den „Parsifal“ bereits im Wagner-Jahr 2013 in Köln inszenieren. Nachdem die dortige Opernleitung seinen Vertrag auflöste, landete die Inszenierung schließlich in Bayreuth. Dort sollte eigentlich Jonathan Meese das Spätwerk inszenieren. Die Vorstellungen des Aktionskünstlers sprengten allerdings den Rahmen des Budgets, so dass Festspielchefin Katharina Wagner den Vertrag im November 2014 kurzerhand aufkündigte.

Ärger gab es auch mit Dirigent Andris Nelsons, der die Premierensaison dirigieren sollte. Angeblich seien es Umbesetzungswünsche Wagners gewesen, die den designierten Gewandhauskapellmeister dazu bewogen haben sollen, Ende Juni das Handtuch zu schmeißen.

Die Festspielleitung verpflichtete daraufhin den Wagner-Routinier Hartmut Haenchen, der unter anderem Romeo Castellucis Parsifal-Inszenierung in Brüssel dirigiert hatte. Dass dem 73-Jährigen nur wenige Orchesterproben zur Verfügung standen, um seine musikalischen Vorstellungen einzustudieren, war am Montag zumindest nicht zu hören.

Das Publikum bekam einen ausgesprochenen runden „Parsifal“ zu hören. Vollmundige sakrale Chöre, bebende Streicher und schmetterndes Blech prägen sich beim Zuhörer schon im ersten Akt als Charakteristika von Haenchens Hügeldebüt ein. Der Maestro legt Wert auf einen erzählenden Sprachfluss. Jeder Satz, jedes Wort ist exakt artikuliert und bestens zu verstehen.

Bemerkenswert (und absolut festspielreif) sind die Leistungen der Solisten einzuordnen. Klaus Florian Vogt singt die Titelpartie mit gewohnter Inbrunst. Der international gefeierte Heldentenor formt Vortrag und Spiel bravourös zu einer Einheit. Georg Zeppenfeld füllt die Gurnemanz-Partie in ungewohnter, jedoch erfrischender Weise mit einem jugendlichen Anstrich aus. Elena Pankratovas Kundry charakterisiert sich durch eine tiefgreifende Intimität im gesanglichen Vortrag aus. Ryan McKinny interpretiert seinen Amfortas mit gewohnter Zuverlässigkeit.

Gisbert Jäkels Bühnenbild zeigt im ersten Akt einen sakral-orientalischen Kuppelbau, in dem der Putz von den Wänden bröckelt. Die Gralsritter tragen lange, weiße Gewänder, wie sie im muslimischen Kulturkreis üblich sind, dort aber auch von Christen getragen werden (Kostüme: Jessica Karge). Schon während des Vorspiels zum ersten Akt durchstreifen Soldaten in grünem Camouflage und mit Maschinengewehren in den Händen die Kirche, an deren Rückwand ein hölzernes Kreuz lehnt. Pünktlich zu Gurnemanz’ Gralserzählung kehren die Soldaten erneut in die sakrale Stätte zurück, um dem Anführer der Gralsritter zu lauschen.

Gurnemanz trägt wie die übrigen Ritter eine klassisch-arabische Kluft, dazu jedoch eine moderne Hornbrille und eine beige Wollmütze. Gralskönig Amfortas ist der eitle TV-Guru amerikanischen Stils im schneeweißen Jesus-Gewand mit Kruzifix um den Hals. Kundry erscheint den Gralsjüngern ganz in schwarz und verschleiert mit Hidschab.

Parsifal wirkt in seinem grauen Kaschmirpullover und dem olivgrünen Hemd darunter wie ein Fremdkörper. Ein Unwissender, ein Ungläubiger, der als ungebetener Gast samt totem Schwan den mystischen Charakter der Szenerie aufbricht. Ob die Frisur des Heldens zufällig oder unzufällig dem Haarschnitt des Schauspielers und Bibelkenners Ben Becker ähnelt, sei dahingestellt.

Erzählt Laufenberg im ersten Teil des ersten Aufzugs noch werkgetreu die Vorgeschichte der Handlung, nimmt die Inszenierung mit Einsetzen der Verwandlungsmusik Fahrt auf. Eine Videoprojektion führt dem Zuschauer vor Augen, dass die Gralsburg, das heilige Land, Arabien, ja die gesamte Welt bestenfalls ein Staubkorn in den unendlichen Weiten des Universums bildet. Amfortas kehrt mit Dornenkrone auf dem Haupt von seinem Bad zurück.

Der Gral ist bei Laufenberg eine Metapher für den Anführer der Gralsgemeinde. Als Amfortas auf Aufforderung seines greisen Vaters Titurel seinen Leib enthüllt, stellt er sich wahlweise als Nacheiferer oder – im buddhistischen oder hinduistischen Sinne – Reinkarnation Jesu Christi heraus. Seinen Oberkörper zieren Narben von Peitschenhieben. Hände und Füße weisen blutige Spuren von Verletzungen mittels Nägeln auf und die Wunde, die der Zauberer Klingsor dem Leidenden zugefügt hat, entpuppt sich als jene Verletzung, die ein römischer Soldat mit der Lanze Jesu am Kreuz zufügte.

Die Abendmahlszene gipfelt den obskuren christlichen Opferkult. Ein Ritter schneidet dem gezeichneten Amfortas, der auf dem Altar stehend von zwei Gehilfen gestützt wird, mit einem Skalpell ins Fleisch, woraufhin dieser aus mehreren Wunden zu bluten beginnt. Titurel fängt das Blut mit einem Weihgefäß auf, welches daraufhin unter den Rittern die Runde macht. Amfortas selbst ist bei Laufenberg der Heilige Gral, an dem sich die Gralsgemeinschaft labt.

Im zweiten Aufzug ist Parsifal zu einem Soldaten mit wallender Haarpracht gereift, der in Uniform und schwer bewaffnet Klingsors Heimstatt erstürmt, um den heiligen Speer zurückzuerobern. Der Zauberer haust in einem orientalischen Hamam, in seinen Ausmessungen nahezu baugleich zur Gralskirche.

Hierher hat Klingsor, der bei Laufenberg zugleich kühl kalkulierender Feldherr und entmannter Verführer sein darf, Amfortas verschleppt. Seine verfluchte Dienerin Kundry, jetzt unverschleiert, erhält den Auftrag, Parsifal zu verführen. Klingsor selbst zieht sich in seine Kommandozentrale zurück, ein Kabinett, dessen Rückwand trophäenhaft Kruzifixe schmücken.

Die Blumenmädchen, die Klingsor Kundry vorschickt, erscheinen in schwarzen muslimischen Gewändern, die sie sich nach Parsifals Ankunft sofort vom Leibe reißen. Zur Erscheinung kommen Bauchtänzerinnen, die viel nackte Haut zur Schau stellen. Ein Verweis auf die Doppelmoral in Bezug auf Nacktheit in der arabischen Kultur. Kundrys verführerischer Kuss öffnet Parsifal die Augen. Klingsor geißelt sich selbst und wird bei dem Versuch, Parsifal mit der geraubten Lanze zu ermorden, von diesem getötet. Die beiden Lanzenstücke zum Kreuz geformt, verlässt Parsifal schließlich die Szenerie und lässt eine verzweifelte Kundry zurück.

Der dritte Aufzug führt die Zuschauer zurück in die Gralskirche, die nur noch eine Ruine ist. Längst hat die Natur von dem Bau Besitz ergriffen. Gurnemanz und Kundry sind nun ein greises Paar. Parsifal tritt als schwarz gekleideter Krieger auf, den Speer zum Kreuz gebunden im Gepäck. Erst beim Karfreitagszauber erwacht die Szenerie zum Leben. Die Gralsruine öffnet sich in der Mitte. Grüne Ranken verschaffen sich ihren Platz. Ein Wasserfall bewässert die Hinterbühne.

Während der Verwandlungsmusik lässt Laufenberg herabstürzende, verschmutzte Wassermassen einblenden, die die Gesichter Amfortas’, Titurels und Kundrys als Repräsentanten religiöser Strömungen hinwegspülen. Titurels Begräbnisfeier stellt sich als Zusammenkunft der Gralsritter mit Gläubigen der großen Weltreligionen dar. Parsifal erscheint als der unerwartete Erlöser, der den verloren geglaubten Lanzenspeer in jenen Holzsarg legt, in dem sich Amfortas’ offenbar rituell den Göttern dieser Welt opfern wollte.

Der Anblick des Speers erlöst die Menschen von der schweren Last ihres Glaubens. Während der bis dato angebetete Amfortas fluchtartig das Weite sucht, legen sie ihre mitgebrachten Opfergaben – etwa Kruzifixe, Kippas und Gebetsteppiche – zum Lanzenspeer in den Sarg. Die Bühne durchflutet weißes Licht. Die Menschen haben ihren Glauben an ihre Religionen abgelegt. Der Chor besingt „höchsten Heiles Wunder“.

In Zeiten von Terror, Flucht und Vertreibung, „Islamischer Staat“ in Nahost und sinnfrei mordenden Djihadis in der westlichen Welt trifft Laufenbergs „Parsifal“ den Zahn der Zeit. Das Premierenpublikum spendete den Mitwirkenden völlig zu Recht bebenden Applaus, der beim Auftritt des Regieteams jedoch von wenigen Buhs durchsetzt war. Die Premiere ist nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für die Festspielleitung um Katharina Wagner ein Erfolg, deren experimenteller „Tristan“ im Vorjahr am Hügel für gemischte Gefühle gesorgt hatte.

Martin Schöler, Leipziger Volkszeitung, 26.07.2016

A Sublime and Provocative ‘Parsifal’ at Bayreuth

A large security force, with police officers and checkpoints, was present on Monday for the opening of this summer’s Bayreuth Festival, featuring the premiere of a new production of Wagner’s “Parsifal.” This was understandable, given the tensions here in southern Germany after a spate of violent attacks — four in just the last week, at least two of which were perpetrated by individuals claiming ties to radical Islamic groups.

Bayreuth administrators had special cause to be worried. Early news reports suggested that the production, by the German director Uwe Eric Laufenberg, was disrespectful of Muslims. It was rumored that in a scene in Act II, the Flower Maidens under the spell of the demonic sorcerer Klingsor are presented as temptresses in Islamic dress covering skimpy undergarments.

As for the threats the festival is grappling with, the night before “Parsifal” opened, a Syrian refugee who had been denied asylum in Germany was turned away from a music festival in Ansbach, some 70 miles from Bayreuth, and set off a suicide bomb, killing himself and injuring many. This “Parsifal” production, which focuses on what unites us across religious lines, could hardly be more relevant.

This staging is indeed rich with Muslim imagery. But Mr. Laufenberg’s sensitive, visually arresting production offers a searching exploration of Wagner’s complex, often baffling final opera. With an excellent cast, headed by the clarion tenor Klaus Florian Vogt in the title role, and the conductor Hartmut Haenchen drawing radiant sound and striking transparency from the festival orchestra, this was a sublime and provocative “Parsifal.”

In an interview in the program book, Mr. Laufenberg explains that he sees the opera as not exactly religious, but as “pan-religious,” or “post-religious,” a work that goes “beyond religion” and that at the same time “explores the origin of religion.” His production certainly underlines the explicitly Christian elements of an opera that is about a band of knights devoted to the protection of the holy grail, who experience a spiritual crisis as their leader, Amfortas, suffers a mysterious wound. In a daring performance by the American bass-baritone Ryan McKinny, this Amfortas is a handsome man in his 30s who appears during the ritual ceremony of Act I as a stand-in for Christ on the cross, wearing a loincloth and a crown of thorns, dripping blood from the wound on his side that will not heal.

To convey the continuous crisis this community of knights is enduring, Mr. Laufenberg chose to set the story not in the libretto’s Gothic Spain, but in a place where Christianity feels under threat. The knights seem to occupy a battle-torn, crumbling church in the Middle East, in roughly modern times. Soldiers in fatigues with assault weapons keep watch over the knights. The church space is dominated by a huge basin, like a baptismal font, where two of Amfortas’s men take him for a healing bath.

It’s clear that these knights practice charity in their town. At the start of the performance, we see people in need sleeping alongside the knights on cots, even a family with a baby carriage. Mr. Laufenberg’s stage imagery blurs religious distinctions in affecting ways. Wagner’s mysterious Kundry, who serves the knights, is an ageless woman who has suffered for centuries, yearning for redemption. She is also a classic femme fatale. All those qualities come through in the performance of the soprano Elena Pankratova, who brings an alluring blend of cool, gleaming sound and piercing expressivity.

Mr. Laufenberg aptly commented in his interview that no character in Wagner says and knows so much, yet reveals so little of himself, as Gurnemanz, a veteran knight, respected by all. This production boasts the German bass Georg Zeppenfeld, whose voice carries natural heft and authority without a trace of huffiness or posturing. Trim and purposeful, wearing glasses and a simple cap, he exudes patience and understanding, even when exasperated by Parsifal’s denseness.

With his long, fair hair and physical restlessness, Mr. Vogt makes a baffled Parsifal, the young, rootless man who seems to chance upon the community. Is he the prophesied innocent who can redeem the knights by his experience of compassion? Or is he, as Gurnemanz at first concludes, just a fool? Mr. Vogt’s impressive voice is focused and penetrating, yet meltingly tender in soft, high-lying phrases.

For Act II, which takes place in Klingsor’s castle, the set transforms into a vaguely Islamic temple. The twisted Klingsor (the strong bass-baritone Gerd Grochowski), who once tried to be one of the knights, now hates them. But his ambivalence is suggested by the room full of crucifixes that he secretly maintains. His Flower Maidens do appear at first in black robes covering all but their faces. When Parsifal comes into their midst, and they remove those garments, they’re wearing cheesy-looking outfits, like storybook exotic Arabian dancers. Mr. Laufenberg may be inviting us to see the scene as a little ridiculous. Some devotees of Wagner’s score feel that the maidens’ waltzing music of seduction is, by intention, sickly sweet, an interpretation that comes through here.

In Act III, Parsifal, who has spent years wandering and lost, returns to the sanctuary of the knights, where his spiritual transformation is completed through the metaphoric act of baptism. Amfortas, now grown old and wrinkled, is asked to perform the grail ritual for his father, who has died. In this staging, the shaken ruler is turned to not just by his band of Christian knights, but also by Jews wearing prayer shawls and Muslims carrying prayer books.

Mr. Laufenberg skirts cliché with this idea. The scene could have come across like some banal moment of Wagnerian kumbaya. Yet, the choral writing here is a babble of desperate, clamoring voices, a quality enhanced by this powerful concept. The message, it seems, is that everyone is confounded by spiritual issues and that we’re all in this together. At the end, the knights, and all the people in the community, wander off into a misty distance as the houselights brighten, signaling that the audience, too, is part of this redemptive act.

Anthony Tommasini, New York Times, 26.07.2016

Religionskritischer "Parsifal" wirkt beunruhigend aktuell
Trauerspiele statt Festspiele: In Bayreuth wird die Eröffnung überschattet von den Anschlägen. Der neue „Parsifal“, der die Pervertierung von Religion durch Extremismus aufzeigt, wird gefeiert.

Egal, wie schön die Musik hier drinnen ist, egal, wie verbissen sie sich hier an ihren immer gleichen Ritualen festhalten: Dass die Welt draußen eine andere, feindseligere geworden ist, muss auch der Optimistischste zugeben beim Anblick all dieser bewaffneten Uniformierten, die auf dem ganzen Gelände ihre Kontrollgänge unternehmen.
Das ist die Situation, die Regisseur Uwe Eric Laufenberg auf der Bühne zeigt, im ersten Akt seines neuen Bayreuther "Parsifals". Singende Gralsritter, die sich an ihre regelmäßig wiederkehrende Liturgie klammern. Wenn es stimmt, dass Laufenberg die Idee dazu schon vor Jahren hatte, sollte er bei Gelegenheit mal Lotto spielen oder Fußballspiele tippen, anscheinend verfügt er über die unheimliche Begabung, die Zukunft vorherzusehen. Der erste Akt seines "Parsifal" ist jedenfalls von der Realität, von den Anschlagsnachrichten dieser Tage, auf deprimierendste Weise bestätigt worden.

Wie der Kult der Gralsritter, so wurde auch der Kult der Wagner-Fans in diesem Jahr überschattet von dem, was draußen passiert. Bayreuths traditioneller roter Teppich zur Eröffnung wurde gestrichen. Der Staatsempfang nach der Premiere auch. Viele Politiker-Promis sind gar nicht erst angereist. An allen Zugängen kontrollieren Polizisten die Taschen der Damen, tasten die Smokingjacken der Herren ab. Die grün-weißen Mannschaftswagen stauen sich auf dem Grünen Hügel. Am Himmel knattern Hubschrauber. Neben den bunten Fahnen an der Auffahrt wehen kleine schwarze Tücher von den Masten – die Aufführung ist den Opfern des Amoklaufs von München gewidmet. In diesem Jahr sind es keine Fest-, es sind Bayreuther Trauerspiele.

In "Parsifal", Richard Wagners letztem Werk, geht es passenderweise um die Frage, ob der Mensch in der Religion Erlösung von der sinnlosen Sündhaftigkeit des Diesseits finden kann – und wenn ja, wie so eine selig machende Religion aussehen müsste. Bei Laufenberg taumelt der jugendlich-unwissende Held Parsifal zwischen zwei Welten und gewissermaßen zwei Konfessionen hin und her. In der Welt des Grals hausen mönchsähnliche Tempelritter. Vordergründig üben sie sich in Werken der Nächstenliebe und gewähren Flüchtlingen auf Feldbetten Unterschlupf, aber wenn man unter sich ist, hat man immer einen fremdenfeindlichen Spruch auf Kosten des "wilden Weibes" Kundry auf den Lippen.

Vor den Toren tobt irgendein Krieg, immer wieder laufen Soldaten mit vorgehaltener Waffe durchs Bild; der Fortbestand des Ritterordens, das ist zu spüren, wird wohl nicht mehr von langer Dauer sein in dieser Region (ein später eingespieltes Video zeigt, dass sich das Gralskloster im Raum des heutigen Syrien zu befinden scheint).

Der Ritus, den die keuschen Gralsanhänger in ihren Kutten voller Inbrunst betreiben, besteht darin, ihrem König Amfortas zu liturgisch festgelegten Zeiten eine Klinge in die Seite zu stoßen und sein Blut zu trinken, eine Prozedur, die Amfortas, im Gegensatz zum Vorbild Christus, keineswegs freiwillig über sich ergehen lässt. Die Gralsritter wirken daher kaum wie echte Christen. Sie bilden eine sadistische Sekte. Kein Wunder, dass Parsifal rasch abreist.

Doch die andere Welt, das Reich des bösen Zauberers Klingsor (Gerd Grochowski), steht der Gralsbruderschaft in Sachen Fanatismus in nichts nach. Hier sollen die Blumenmädchen, leicht bekleidete Sexsklavinnen, Neuankömmlinge gefügig machen zur Eingliederung in einen unsichtbaren Orden. Das Zauberschloss ist, ganz wie von Wagner gewünscht, als orientalischer Märchenharem gestaltet, mit blauen Arabesken an der Wand und warmem Schwimmbecken.
Hier, im zweiten Akt, kommen nun tatsächlich die schwarz verschleierten Frauen vor, die im Vorfeld für so viele Spekulationen um eine vermeintliche Islamkritik gesorgt haben. Es sind die Blumenmädchen, auch wenn sie die langen Gewänder rasch fallen lassen, um Parsifal in bunten Bikinis zum Baden zu führen (Kostüme: Jessica Karge).

In Wahrheit ist Klingsor allerdings kaum ein Moslem: Insgeheim hortet er Kruzifixe wie Fetische, vor denen er sich mitunter selbst auspeitscht, wenn er nicht gerade eines von ihnen mit frechen Fingern liebkost. In seinem Reich herrscht so wenig der Islam, wie im Gralstempel das Christentum herrscht: Beides sind Pervertierungen von Religion an sich. Wie austauschbar die Extremismen sind, zeigt sich darin, dass Gralstempel und Zauberschloss nacheinander in derselben Kulisse eingerichtet werden, einem kirchenähnlichen Raum mit Apsis (Bühnenbild: Gisbert Jäkel).

Der unwissende Parsifal ist der einzige, der sich beiden Systemen entziehen kann, der immun bleibt sowohl für die Option reiner Keuschheit als auch für die der enthemmten Sinnlichkeit. Er besiegt Klingsor und entthront Amfortas, er reißt die Apsis-Einheitskirche ein und führt alle Jünger in eine neue, allerdings noch mit undurchsichtigem Theaternebel verhüllte Zukunft: Weil die Religionen, zumindest in dieser deformierten Gestalt, die Menschen nicht erlösen können, erlöst er die Menschen von den Religionen.

Bei den Sängern fällt vor allem der wunderbar volle Schmelz von Ryan McKinny als Amfortas auf, außerdem der gewohnt souveräne, unkaputtbar scheinende Bass von Georg Zeppenfeld als Gurnemanz. Elena Pankratova gibt eine angenehm weiche, dabei stets durchschlagkräftige Kundry.

In der Titelrolle, als "reiner Tor" Parsifal, zeigt Klaus Florian Vogt erneut, dass ihm alles, was mit Gral zu tun hat (so wie Lohengrin), besonders entgegenkommt. Wenn er im zweiten Akt endlich den begehrten heiligen Speer in Händen hält, wechselt er von einem zuvor eher kräftigeren Gesang zu seinem weltberühmten hellen, klaren, knabenhaften Tenor, und es fühlt sich an, als würde irgendwo einer das Licht anknipsen. Definitiv ein Kandidat als Tor des Monats.

Das Publikum zeigt sich am Ende jedenfalls gnädig mit der Produktion. Nicht nur Sänger, Orchestermusiker und der Dirigent, selbst das Regieteam wird nach dem dritten Akt bejubelt. Einmütiger Applaus für Musik und Szene, und das bei einer Premiere der Bayreuther Festspiele, wer hätte das vorhergesehen? Also, abgesehen von Uwe Eric Laufenberg natürlich.

Lucas Wiegelmann, Die Welt, 26.07.2016

Blutsordensbrüder
Die Neuinszenierung des „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen spielt zwischen Kloster und Harem – musikalisch ist sie packend

Wie sich die Bilder gleichen! Draußen wird die vorwiegend weiße europäische Mehrheit der Bayreuther Festspielgemeinde durch Absperrungen und gefühlte Hundertschaften von Polizisten abgeschirmt vor dem Terror der Welt. Drinnen auf der Festspielhausbühne steht eine in islamischen Landen bedrohte christliche Klostergemeinschaft unter dem Schutz von Nato-Soldaten. Weder auf der Bühne noch in der Wirklichkeit kommt es dann aber zu besorgniserregenden Zwischenfällen.
Dennoch bleibt nach der diesjährigen Bayreuther Festspieleröffnungspremiere ein ungutes Gefühl zurück, zumal sich dieser massive Polizeieinsatz nun Abend für Abend wiederholen wird, sechs Wochen lang. Ist Theater mit seiner gedankenspielerischen Unschuld in einer Zivilgesellschaft überhaupt noch möglich, wenn es derart martialisch beschützt werden muss? Möglich vielleicht, aber Terroranschläge und Polizeipräsenz verändern zumindest die Rezeption. Unwillkürlich denkt der Zuschauer die aufgewühlte Realität draußen als Folie der Aufführung mit – erst recht, wenn eine Interpretation des „Parsifal“ eine christlich-islamische Konfrontation andeutet so wie die Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg.

Laufenberg, Intendant des Staatstheaters Wiesbaden, sprang für den vor eineinhalb Jahren wegen angeblicher Etatüberschreitung geschassten Künstler Jonathan Meese ein. Er ist ein gewiefter Theatermann, der ähnlich unbekümmert zu Werke geht wie sein Protagonist. Dieser Parsifal ist ein Naivling vom Land, der aus Versehen an eine Heilsbringersekte gerät und schließlich zu deren Führer avanciert. Diese Rätselgeschichte von Richard Wagner ist zudem mit jeder Menge Frauenfeindlichkeit, Religionsklitterung, Tiefenpsychologie, Gesellschaftstheorie und Theatercoups aufgeladen. Daran hätten heute nur mehr Historiker ihre Freude, gäbe es nicht diese geniale, sich um keinen Terror der Welt scherende Musik, die das Überleben der Story garantiert.
Die „Parsifal“-Partitur ist nicht nur Wagners letzte, sondern auch seine beste. Nie zuvor hat er derart unaufdringliche Themen erfunden und sie dann so leichtgängig, ökonomisch und fern aller Tradition zu einem vierstündigen feinen Klanggewebe verarbeitet, in dem es eine perfekte Balance zwischen Sing- und Orchesterstimmen gibt. Diese avantgardistische Partitur ist bis heute eine Inspirationsquelle vieler Komponisten, für Dirigenten ist sie die ultimative Wagner-Herausforderung.
Dabei haben sich zwei Schulen herausgebildet. Die eine zelebriert eine weihevoll mystische Aura, auf die sich Daniel Barenboim unvergleichlich besser versteht als seine Kollegen. Die andere Richtung, der kürzlich verstorbene Pierre Boulez war ihr Großmeister, legt die kompositorische Raffinesse und die formale Logik des Stücks offen. Was nicht zwangsläufig zu einem trockenen Notenklauben führt, sondern den „Parsifal“ als ein hellsichtig ahnendes Stück beglaubigt, getragen von einer Vielzahl atmosphärischer Valeurs.

Das beweist in Bayreuth Hartmut Haenchen, der kurzfristig für den durch undurchsichtige Machenschaften aus Bayreuth vertriebenen Andris Nelsons einsprang. Haenchen ist nüchtern, aber nie steif oder unsensibel. Er hat nichts übrig für Klangweihrauch und Tonsoße, er liefert einen zügig flutenden Musikzauber, in traumhaften Pastellklangfarben gehalten. Und das Festspielorchester erfüllt ihm und dem hellauf begeisterten Publikum jeden nur denkbaren Wunsch.
So gelingen die Außenakte auf Weltniveau. Im Mittelteil gibt es kleinere Probleme, die auch mit den Sängern zusammenhängen. Publikumsliebling Klaus Florian Vogt ist als Titelheld ideal. Ein blonder Hüne mit nie unangenehm gleißender Stimme, die stets durchs Orchester dringt und jene Reinheit evoziert, die sowohl Parsifals Sexualfeindlichkeit wie auch seine Weltfremdheit beglaubigt. Seine Gegenspielerin Kundry ist vom Typ her eine Klischeemischung aus Heiliger und Hure. Elena Pankratova verfügt nicht nur über eine mächtige, gleichwohl agile Stimme, sondern auch über viel Schauspieltalent. Sie zeigt ihre Kundry einerseits als leidenschaftliche, selbstbewusste Frau, andrerseits als devot dienendes Mütterchen.

Das große Duett zwischen Parsifal und Kundry im zweiten Akt taucht musikalisch tollkühn in Seelenbereiche ein, die erst die Tiefenpsychologie ausgeleuchtet hat. Kundry wirft sich Parsifal als Geliebte an den Hals. Sie evoziert dabei seine Mutter, zugleich beschwört sie sie in Parsifal ihren Ex-Lover Amfortas. Dieses Duett ist also ein verkapptes Quartett. Das mag megakompliziert sein, aber solche Verstrickungen sind typisch Wagner. Dass einer solch perversen Psychokiste nicht allein mit Dirigentenakribie und Meistersängerschaft beizukommen ist, versteht sich. Ausgerechnet hier wirkt die musikalisch so packende Aufführung allzu konventionell.

Georg Zeppenfeld als Gurnemanz hält die Klostergemeinschaft in einem baufälligen Kuppelsaal zusammen, die Einheitsbühne stammt von Gisbert Jäkel. Gurnemanz ist Faktotum, Chronist, Pförtner, schlechtes Gewissen und Cellerar des Klosters – Zeppenfeld, in der Form seines Lebens, ersingt diesem Arbeitstier eine sympathisch bescheidene Autorität. Die Stimme ist genau fokussiert, die Textverständlichkeit grandios. Zeppenfelds Auffassung ähnelt in ihrer Nüchternheit und Genauigkeit der des Dirigenten. So sind die beiden das Traumduo des Abends. Die oft ermüdenden, schier endlosen Erzählungen des Gurnemanz werden zu einem riesigen Vergnügen.

Nur den Parsifal versteht dieser Menschenversteher nicht. Der ist ein verwahrloster Christenbub aus der Nachbarschaft, der gern herumballert, dann zur UN-Schutztruppe geht, anschließend als IS-Kämpfer sein Glück versucht und zuletzt zum neuen Abt avanciert. Der Regisseur spielt ungeachtet aller Wahrscheinlichkeiten einfach diverse Karrieremöglichkeiten für einen ungelernten, durchaus gesellschaftsgefährdenden Naivling durch – die Parallelen zur politischen Realität von heute dürften niemandem entgangen sein.

Der Führungswechsel im Kloster wurde notwendig, weil sich Alt-Abt Amfortas statt zu kämpfen im Harem des verfeindeten Paschas Klingsor (Gerd Grochowski) amüsiert hat. Vielleicht ist das aber auch gar kein Harem, sondern ein Arabien-Puff, wie ihn der europäische Orientalismus des 19. Jahrhunderts erträumte. Amfortas kam gerade noch mit dem Leben davon, jetzt humpelt er blutend im Jesus-Look mit Dornenkrone durchs Kloster. Ryan McKinny ersingt diesem Schmerzensmann alles Mitleid der Welt.
Dann wird das vampiristische Ritual vollzogen, es soll die Klostergemeinschaft moralisch und physisch stärken. Einer der Brüder, die sonst so buddhistisch streng auf die Unverletzlichkeit jeder Kreatur pochen, stochert brutal in Amfortas’ Brustwunde herum, das im Übermaß sprudelnde Blut wird in einem Kelch aufgefangen und von allen getrunken. Laufenberg überstrapaziert die bei Wagner nur schwach vorhandenen Parallelen zwischen Jesus und Amfortas, er personalisiert ein von der Person unabhängiges Ritual und tut dies mit einer nachgerade unfreiwilligen Komik. Aber auch andere religiös motivierte Momente unterläuft er mit dieser zumindest unbeholfenen Komik. So greift sich Parsifal die heilige Lanze wie ein Staffelläufer den Stab bei der Übergabe und zerbricht sie überm Knie, als wolle er Kleinholz fürs Lagerfeuer machen.

Zuletzt wird das mittlerweile vollkommen baufällige Kloster von riesigen tropischen Pflanzen zugewuchert. Zum Karfreitagszauber erscheinen die offenbar aus Klingsors Harem-Bordell entlaufenen Zaubermädchen, einige tanzen im Regen. So werden Fernreisen in exotische Länder beworben. Mit solchen Bildern zeigt Laufenberg allzu überdeutlich, wie befremdlich sich religiöse Relikte in der heutigen Amazon-Plastik-Welt ausnehmen.

Letztlich lehnt dieser Regisseur also die utopische Vision Wagners ab, die Erlösung oder wenigstens spirituellen Frieden für grundsätzlich möglich hält. Hier trifft Laufenberg sich mit dem Dirigenten. Haenchen formuliert ständig Zweifel an der religiösen Grundierung des „Parsifal“. Sie ist ihm allenfalls Ausgangspunkt für eine Ästhetik, die eine bis dato völlig neue Klangwelt ermöglicht. So haftet bei Haenchen den vielen Chorälen, Jubelgesängen und Ritualmärschen nie der Ruch von säkularisiertem Gottesdienst an. Die emotionale Entschlackung mag so mancher Zuhörer bedauern, sie macht aber auf hinreißende Weise nachvollziehbar, wie sehr Wagner den „Parsifal“ als ein intellektuelles Klangabenteuer konzipiert hat. Das erklärt die Sonderrolle des Stücks im Repertoire. Wenig verwunderlich, dass dieses Mal auch die umstrittenen Schlussverse „Erlösung dem Erlöser“ einem sehr viel weniger aufstoßen als üblich. Sie wirken angesichts von Attentaten, IS-Terror und Sicherheitswahn wie die gemurmelte Bitte eines zutiefst Ungläubigen.

Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung, 26.07.2016

2016 – Odyssee im Weltraum
Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen und vor stark verminderter Prominenz haben zwei Einspringer in Bayreuth Richard Wagners letztes und schwierigstes Werk auf die Bühne des frisch renovierten Festspielhauses gebracht. Der Festspiel-Auftakt überzeugte szenisch oft, musikalisch fast immer.
Weg mit dem Tand! Die Ritter nehmen Abschied. Schreiten hin zum Sarg Titurels in der Bühnenmitte, in den Parsifal schon die zum Kreuz verbundenen Hälften des Speers gelegt hat, und werfen hinein, was ihnen heilig war: Kreuze, Kelche, Leuchter, Götterbilder. Das muss alles weg, wenn die Grenzen zwischen den Religionen fallen, wenn sich ideologische Fronten auflösen sollen in einer großen Friedens-Utopie, die am Ende dieser „Parsifal“-Premiere auch alles Kunstreligiöse und Wagnerkultige einschließt. Im Festspielhaus gehen bei der letzten Szene die Lichter an, der Vorhang schließt sich vor dem Applaus nicht wieder, und eigentlich würde es passen, wenn das Publikum jetzt keinen Beifall spendete, sondern einfach hinausginge aus dem Saal, wenn es das Spalier der Sicherheitskräfte und Polizisten in Bayreuth still durchschreiten und sich fragen würde, wie es dazu kommen kann, dass allerorten die Angst umgeht vor Menschen, die Terror und Gewalt mit religiösen Motiven legitimieren.

Wagners letztes Bühnenwerk ist auch sein schwierigstes. In Bayreuth haben sich zuletzt Stefan Herheim (mit einem Vexierspiel voller historischer, kunstgeschichtlicher und philosophischer Verweise) und Christoph Schlingensief (mit einem bunten Sammelsurium als „Friedhof der Kunst“) die Zähne an ihm ausgebissen; dem streitbaren Künstler Jonathan Meese, der sich in diesem Jahr wohl zuallererst selbst im „Parsifal“ spiegeln wollte, haben die Festspiele (offiziell aus finanziellen Gründen) den Regie-Auftrag entzogen, und so hat jetzt Uwe Eric Laufenberg, der als Opernintendant 2014 von Köln nach Wiesbaden wechselte, das synkretistisch zwischen Christentum, Buddhismus und Schopenhauer angesiedelte Stück in Szene gesetzt. Geholfen hat ihm dabei der Bühnenbildner Gisbert Jäkel, der den ersten Akt in einer christlichen Kirche, den zweiten in einer Moschee und den dritten schließlich zwischen zwei halb zerstörten Gebäudehälften spielen lässt, welche die Natur gerade mit Macht zurückerobert. Riesige Pflanzentriebe wuchern durch Fenster und Türen. Eines der Wesendonck-Lieder Wagners heißt „Im Treibhaus“; das Bild zur Musik gibt es hier.

Es liegt in der Natur eines aus so unterschiedlichen Elementen und Ideen zusammengesetzten Stückes wie des „Parsifal“, dass auch seine Interpretationen etwas Patchworkartiges haben müssen, wenn sie dem Werk nicht Gewalt antun wollen. Das ist auch in Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der Fall. Sogar dass bei ihm überzeugende Bilder und wenig Zwingendes nebeneinander stehen, ließe sich begründen – zumindest mit der These, dass man bei Wagners gedanklich und ideologisch komplexem „Bühnenweihfestspiel“ wohl nie an ein Ende des Denkens kommen wird. „Parsifal“ bleibt, nicht nur wegen seiner kryptischen Forderung „Erlösung dem Erlöser!“ ein ewiger Streitfall.

Schon zur Musik des Vorspiels sieht man Pilger, vielleicht auch Flüchtlinge, die auf Feldbetten lagern; einer von ihnen hebt die Hände, als ein heller Lichtstrahl auf ihn fällt. Das ist schon ein bisschen kitschig. Unter den Menschen, die das Gebäude bevölkern, sind auch halb verschleierte Frauen, und die Brotstücke, die verteilt werden, muten an wie jüdische Mazzen. Als Gurnemanz den „wundervollen, heiligen Speer“ besingt, machen hinter ihm schwer bewaffnete Soldaten Rast, und als er vom Gral erzählt, hängen mönchische Ritter hinter ihm eine Jesus-Figur ans Kreuz. Das sind keine neuen Ideen: In Laufenbergs Inszenierung findet sich Vieles wieder, was zuletzt zu „Parsifal“ ins Bild gesetzt worden ist. Der kleine Junge, der in dem Moment tot zu Boden fällt, als der Titelheld jagend einen Schwan erlegt: Ihn sah man schon bei Calixto Bieito in Stuttgart, aber in Bayreuth steht er nun nicht für einen gefallenen Engel, sondern gleicht jenem toten Flüchtlingskind am Mittelmeer, dessen erschütterndes Bild wochenlang durch die Medien ging. Ein wenig plump ist das schon, aber wie heißt es so schön: Wir werden abgeholt.

„Zum Raum wird hier die Zeit“: Das hat der Regisseur wörtlich genommen. Bei Gurnemanz’ Worten senkt sich ein Vorhang, Wagners Musik wird, was sie auch ist, nämlich wirkungsvoller Filmsound, und zu sehen sind Bilder, die jenen zu Beginn von Stanley Kubricks Kultfilm „2001 – Odyssee im Weltraum“ gleichen. Von einem kleinen Ort im Zweistromland fährt die Kamera durch schwirrende Planeten, an der Sonne vorbei und wieder zurück. Eine tolle, wirkungsvolle, sprechende Idee. Auch die anschließende Abendmahlsszene hat nichts Verbrämtes: Amfortas trägt eine Dornenkrone, und Laufenberg folgt jener Deutung, der zufolge Joseph von Arimathia das Blut des gekreuzigten Jesus in einer Schale auffing. So wird der Mann mit der Wunde zum Märtyrer, zum Opfer einer Gemeinschaft, die (sehr katholisch) so stark vom Bewusstsein der eigenen Schuld geprägt ist, dass sie eine Projektionsfigur braucht, um ihr Leid abladen und selbst weiterleben zu können. Der chorische Ringelreihen um das Taufbecken wäre anschließend nicht nötig gewesen.

Titurels Schloss ist eine Moschee, in welcher der Zauberer vergebens seinen Gebetsteppich ausrollt: Erst lässt sich die richtige Himmelsrichtung nicht finden, dann zieht es ihn nach oben in sein kleines, kreuzbehängtes christliches Séparée, dem Ort seiner Sehnsucht und Qual, wo er sich geißelt, während unten aus verschleierten Musliminnen Haremsmädchen – eben Wagners Blumenmädchen – werden (im Folgeakt duschen diese im Regenwald unter einem Wasserfall, aber das ist vielleicht nicht ganz so zwingend). Hier zieht Parsifal erst einmal nun als Soldat ein, küsst Kundry, und als er („Amfortas! Die Wunde!“) zurückweicht, ist der Mann da, an den er sich gerade erinnert – und vollzieht den Geschlechtsakt, den Wagners „reiner Tor“ nicht vollziehen will, kann oder soll. Die verquaste Philosophie der Erlösung durch Entsagung, die bei Wagner hinter diesem Bild steht, bleibt auch hier sehr fremd und fern, aber das ist nicht weiter schlimm, denn dem Komponisten selbst ging es zumindest in der Praxis auch nicht anders.

Eine Qualität von Laufenbergs Inszenierung ist, dass sie auf dem Weg vom Christentum zur Kunstreligion Dynamik entfaltet – bis hin zum dritten Akt, in dem Parsifal nach jahrelangen Irrwegen die Montur eines als IS-Kämpfers gegen den schwarzen Anzug eines Festivalbesuchers tauscht (aus Ideologie wird Kunstreligion, siehe oben). Diese Dynamik kommt auch aus dem Orchestergraben, und der Mann, der die Tempi straff (fast so straff wie seinerzeit Pierre Boulez), außerdem überaus beweglich flexibel hält und die Lautstärkegrade ebenfalls fein abstuft, ist Hartmut Haenchen, der zweite Einspringer des Abends – er kam für Mariss Jansons, der kurzfristig seine Arbeit abbrach. Nach einem noch etwas diffusen Vorspiel zum ersten Akt macht Haenchen seine Sache richtig gut. Wer einen „Parsifal“ mit Bühnenweihfestspiel-Weihrauch hören will, ist bei ihm allerdings schlecht aufgehoben.
Unter den Wagner-Tenören ist Klaus Florian Vogt mit seiner klar fokussierten, reinen, hellen, „naiven“ Stimme (Sänger-Kenner bezeichnen sie als „weiß“) in der Titelpartie eine Idealbesetzung. Gelegentlich fehlt es ihm ein wenig an Tiefe, gelegentlich geraten Verzierungen nicht ganz sauber, aber so wie Vogt singt, stellt man sich einen vor, der „durch Mitleid wissend, der reine Tor“ sein soll. Elena Pankratova glänzt als klangfarbenreiche Kundry vor allem im zweiten Aufzug; Georg Zeppenfeld gibt einen Gurnemanz, der wirkt wie ein dramatischer Evangelist in Bachs Passionen: empathisch miterlebend, präzise gestaltend – eine exzellente Besetzung.

Und über allem schwebt ein Mann. Drei Akte lang sitzt eine Puppe auf einem Stuhl, beobachtet durch ein Loch auf einer vom Bühnenhimmel hängenden Plattform reglos, was unter ihm lebt, liebt und leidet. Das, denkt man, kann nicht Christian Thielemann sein, der musikalische Chef, der auf dem Grünen Hügel auch Kollegen so kontrolliert, dass sie womöglich den Bettel hinschmeißen. Nein, das muss wohl Gott sein: ein stummer Gast. Für den zu kämpfen, ist wirklich nicht der Mühe wert.

Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten, 26.07.2016

Wer sitzt nur da oben über der Bühne in der Kirchenkuppel und hält die ganze Zeit still auf seinem Stuhl? Jemand von der Sicherheit? Gott? Oder gar Richard Wagner? Alle drei hätten gute Gründe, die Situation im Blick zu behalten.

Die Security: Das Festspielhaus ist bei der Eröffnung ein Hochsicherheitstrakt. Drei Kontrollen muss der Besucher passieren. Da wäre es nur angemessen, auch ein Auge auf die Bühne zu haben, zumal im Vorfeld durchgesickert ist, dass 35 Festspiel-Mitarbeiter etwas Größeres auf dem Kerbholz haben.
Es ist erst die 10. Neuinszenierung des Bühnenweihfestspiels im Bayreuther Heiligtum. Sie kann nach Stefan Herheims wunderbar vielschichtiger Deutung keinen leichten Stand haben. Wiesbadens Staatstheater-Intendant Uwe Eric Laufenberg wurde 2014 zum Ersatzmann ernannt für Jonathan Meese, den notorischen Hitlergrüßer. Eine Wackelpartie könnte Hartmut Haenchen am Dirigentenpult werden. Er hat erst vor drei Wochen die Mission vom entlaufenen Andris Nelsons übernommen.

Am Ende aber geht Haenchen als gefeierter Held vom Platz. Es ist ein in den Tempi straffer, im Vorspiel dabei schön entwickelter, dynamisch in den Chören etwas robuster Wagner, in dem Richard durchaus eigene Zeiten und Anweisungen wiedererkennen könnte: nicht pathetisch, nicht schleppend, nicht zu gedehnt. Dabei hat Haenchen starke Sängerdarsteller als Mitstreiter: Star des Abends ist Georg Zeppenfeld mit einem unermüdlich klar artikulierenden Belcanto-Gurnemanz neben Klaus Florian Vogts Parsifal, der die naive Toren-Reinheit im Timbre trägt. Eine mütterliche, glühende Kundry ist Elena Pankratova, und Ryan McKinny lässt den Schmerzensmann Amfortas expressiv leiden. Übrigens werden auch Richard Wagners Regieanweisungen bisweilen wörtlich umgesetzt. Zu historischen Szenenfotos fehlt dann nur der Augenaufschlag gen Himmel.

Gott: Er aber müsste sich wohl die meisten Sorgen machen. Religionskritisch sollte die Inszenierung werden, war ruchbar geworden. Vielleicht sogar islamkritisch, was 1001 mal dementiert wurde.
Die schwarze Kluft der Blumenmädchen, die sich als Haremsdamen entpuppen und Parsifal im Hamam verwöhnen, dürfte kaum Provokationspotenzial haben. Tatsächlich scheint der Regisseur, nachdem er sich hässliche Erfahrungen als Kölner Intendant in einem Schlüsselroman („Palermo“) von der wunden Seele geschrieben hatte, nun die Traumata einer katholischen Kindheit anzugehen: Die Gralsritter zapfen ihr Blut, etwas vampirmäßig, direkt am Leib des Amfortas. Kurioserweise schießt der Lebenssaft von oben, wenn ihm in die Seite gestochen wird. Aber Wagners hehres Spätwerk ist ohnehin voller Wunder. Diese vollziehen sich in Gisbert Jäkels Bühnenbild in einem zerschossenen Kirchenraum, in dem aktuelle Konflikte und Krisen zunächst anrührend nahe sind: Mönche kümmern sich irgendwo im Nahen Osten um Flüchtlinge. Die Sympathie für diese Gralsritter bekommt, wenn man ihren Ritus sieht, allerdings einen Riss, den Klingsors Gegenwelt vertieft. Sein maurisch dekoriertes „Zauberschloss“ nutzt nämlich die gleiche Kirchen-Architektur und scheint nur die Kehrseite einer insgesamt fragwürdigen Medaille zu sein.

Gerd Grochowskis Klingsor ist ein Ex-Christ, der sich aus dem Vorleben neben einer guten Portion Masochismus eine Kruzifix-Sammlung bewahrt hat. Dass er Amfortas als Geisel nimmt und dieser seine sündige Beziehung zu Klingsors erotischer Lenkwaffe Kundry aktualisiert, während Parsifal das Mitleid entdeckt, verkompliziert die Lage erheblich. Und führt endgültig vor Augen, dass Laufenbergs realistische Ansätze mit ihren Aktualisierungs-Versatzstücken am Erlösungs-Brocken abprallen. Man wünscht sich zwar nicht Wolfgang Wagners gravitätische Gralsritter an kristallinen Gummibärchen-Skulpturen zurück, aber ein wenig mehr Stilisierung braucht das geniale Bühnenweih-Machwerk wahrscheinlich schon. Immerhin: Langweilig wird es nicht. Während man sonst im 3. Aufzug wegdämmert, sorgt jetzt eine Flower-Power-Karfreitagsaue mit Mädchen, die im Regenwald nackt duschen, für allgemein gesteigerte Aufmerksamkeit.

Wer nun ist der Mann in der Kuppel? Manches spricht dafür, dass es doch Klingsor ist, für den kein Platz bleibt in der Schluss-Utopie. Die Weltreligionen legen ihre Symbole in Titurels Sarg und schreiten, während sich die Szene weitet, in eine Zukunft, in der Gott und Security keinen Platz mehr haben. Ob Richards Kunstreligion dann bleiben darf? Hoffentlich.

Volker Milch, Wiesbadener Kurier, 27.07.2016
/