Béla Bartók

Herzog Blaubarts Burg

19.04.2015
Musikalische Leitung:
Philipp Pointner
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Matthias Schaller, Susanne Füller
Kostüme:
Susanne Füller
Mit:
Spielzeit 2018.2019 => Herzog Blaubart | Johannes Martin Kränzle - Judit | Vesselina Kasarova Premierenbesetzung => Musikalische Leitung | Zsolt Hamar - Herzog Blaubart | Gerd Grochowski - Judit | Vesselina Kasarova /Asmik Grigorian
Orchester:
Hessisches Staatsorchester
Termine:

Spielzeit 2014.2015
1. März 2019 - Wiederaufnahme
8., 14., 23., 31. März 2019

Rezensionen:

Intendant Uwe Eric Laufenberg schenkte dem zweiten Teil des Doppelabends die Insignien des Kampfs zweier Alphatiere um die Deutungshoheit der Vergangenheit. „Herzog Blaubarts Burg“ ist ein kryptisches Spiel um die verbotene siebte Tür, hinter der Blaubarts Vergangenheit nicht vergehen will. Damit ist der Bogen zurück zum ersten Teil des Abends gespannt. Blaubart und Judit sind zwei Menschen mit Vergangenheit: Der unermesslich reiche Herzog, an dessen Besitz Blut klebt, und seine neue, vierte Frau, die ihre Eltern und ihren Verlobten für ihn verlassen hat. Die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova leiht der maßlos liebenden Judit Sinnlichkeit und dunkel lodernde Leidenschaft. Dabei singt sie genau kontrolliert und herrlich wandelbar vom Flüstern bis zum expressiven Schrei, immer jedoch mit einer Fülle des Wohllauts, einem Widerschein ihrer Belcanto-Karriere (etwa als Rossinis Cenerentola). Der Blaubart von Gerd Grochowski zeigt einen Herzog, der um Judits Liebe Willen alles tun würde – fast. Mächtig füllt baritonales Leuchten das Haus, mischt sich Sinnlichkeit mit Brutalität.

Regisseur Laufenberg findet für diese explosive Mischung schöne bis irritierende Bilder: Hinter der fünften Tür mit Blaubarts weiten Ländereien verbirgt sich eine trostlose Hügellandschaft, greller Kontrast zur diatonischen Dur-Orgie der Partitur. Judit und Blaubart umkreisen einander, zunächst spielerisch, dann wie Raubtiere. Verwüstung macht sich breit, das Apartment wird zur Walstatt. Schnell wird klar, dass eines von beiden auf der Strecke bleiben wird.

Auch hier zeigten sich Hamar und sein Orchester in guter Form. Bartóks hochvirtuoser Farbenrausch entfaltete sich mit Delikatesse und hinreißendem Glanz. Apart war die Aufstellung von Harfen und Glockenspiel in der Proszeniumsloge. Rauschender Beifall und viele Bravorufe für zwei Opern-Glanzleistungen.

Darmstädter Echo, 22.04.2015

"A kékszakâllû herceg vâra" heißt der zweite Einakter des Abends, ist mindestens so schwer auszusprechen wie zu deuten und geläufig als "Herzog Blaubarts Burg". Das Gemäuer steht symbolisch für das Seelische ihres BEwohners; die Inszenierung des von Béla Bartók veroperten Stoffes hat Intendant Uwe Eric Laufenberg npersönlich übernommen.
Gerd Grochowski spielt den Herzog als Charakterschwächling, der sich seiner Vergangenheit nicht stellen kann und sich schließlich nur durch tödliche Gewalt zu helfen weiß.
Vesselina Kaserova spielt dafür mit allen Möglichkeiten ihrer Stimme. In der Höhe findet sich bei ihr die Klarheit seelischer Reinheit wie das schrille hysterisch aufgipfelnder Forderung, die Mittellage schimmert gern warm und sinnlich, kann aber auch gefährlich dunkel sein. Das passt zu Laufenbergs Deutung, welche sich einseitiger Bewertung enthält. Judits Verlangen nach Offenheit ist verständlich, ihr immer vehementer vorgetragenes Eindringen in die Vergangenheit des Geliebten zugleich tödlich für den Wunsch nach einem Neubeginn.
Während sich die von Matthias Schaller ersonnenen Burgmauern um das Paar abwechselnd schließen und wieder öffnen, treibt dieses in stetiger Steigerung seinem Verhängnis zu. Die Vergegenwärtigung der niemals gezeigten sieben Kammern gelingt dem HEsssichsen Staatsorchester Wiesbaden ausgezeichnet. Von Öffnung zu ffnung findet sich die impressionistische Fülle der bildhaften Klangvisionen weiter gesteigert. Prädikat: sehr sehens- und hörenswert.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2015

Gerd Grochowski, für den ursprünglich vorgesehenen, erkrankten Johannes Martin Kränzle eingesprungen, übernimmt den Blaubart-Part mit reizvoll spröder Wucht. Regisseur Uwe Eric Laufenberg und Kostümbildnerin Susanne Füller (für beide Teile zuständig) lassen ihn als grauen Anzugträger auftreten. Hier steckt auch ein starker Regieeinfall: Blaubart ermordet seine neue junge Frau nicht in irgendeinem übertragenen Sinne, sondern buchstäblich als Jack the Ripper. Und klar zeigt sich auch: Der macht weiter.

Frankfurter Rundschau, 22.04.2015

Von der Macht des Virtuellen erzählt gleichsam der zweite Teil des Abends, Uwe Eric Laufenbergs überzeugende Aufführung von Béla Bartóks einziger Oper „Herzog Blaubarts Burg“. Hierin lässt sich die junge Schönheit Judit (Vesselina Kasarova) von dem geheimnisvollen Fürsten (Gerd Grochowski) verführen und verliert sich in einem Strudel aus Lügen, Rätseln und Imagination. Als sie seine sagenumwobenen acht Zimmer einsehen möchte, erkennt sie via Laptop als erstes die Folterkammer. Dass sich derweil der trichterähnliche Flur flexibel zusammenschieben oder aufweiten kann, zeugt von einem kaum fassbaren Märchenschloss, wundersam und bedrohlich zugleich. Selbst sein Reich, dem sie hinter einer weiteren Tür offenbart, erscheint schließlich als riesige Wandfotografie am hinteren Ende des Spielraumes – ein Wahrnehmungsereignis, das Zsolt Hamar samt seinem Orchester in monumentaler Tongewalt begleitet. Hierin äußert sich Bartóks kompositorische Gewalt, die sich zuvor in stakkativen Episoden langsam aufbaut, um sich zuletzt ventilartig zu entladen.

Die mediale Schimäre ist somit allgegenwärtig. Einzig Judits Tod, ein erwartbarer Akt der Besitznahme durch den omnipotenten Patriarchen, markiert den letzten Rest an Wirklichkeit. In Wiesbaden wird die klassische Moderne somit postmodern, ohne den epochalen Kern der Werke zu verraten. Man wird zweier bewegender Gratwanderungen gewahr, die eines klar zeigen: Nichts ist so zeitlos fragil wie das menschliche Dasein.

Die Deutsche Bühne, 20.04.2015

Der Regisseur, Wiesbadens Intendant Uwe Eric Laufenberg, siedelt die Geschichte in einer holzgetäfelten Architektur an, die geschmacksneutrale VEB-Gediegenheit ausstrahlt. Dazu passt die blechern verstärkte Stimme des Prologs. Neben einer Sofa-Garnitur steht das Bett zur horizontalen Variante maskulinen Machtanspruchs bereit und wird zum Tatort. Hier ersticht Blaubart die Frau, die, ähnlich wie Lohengrins Elsa, zuviel wissen wollte. Wie das in der Oper immer mal wieder passiert, darf Vesselina Kasarova trotzdem noch weitersingen in einer szenisch wie musikalisch eindringlichen Interpretation, an deren Erfolg auch Susanne Füllers Kostüme und Matthias Schallers Bühne ihren Anteil haben. Atemberaubend ist der synästhetische, auch orchestral glanzvoll illustrierte Ausblick auf Blaubarts weite, wüste Seelenlandschaft, für die sich die Bühnenarchitektur weit öffnet.

Wiesbadener Kurier, 21.04.2015
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