Wolfgang Amadeus Mozart

Die Hochzeit des Figaro

06.09.2020
Musikalische Leitung:
Konrad Junghänel
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Gisbert Jäkel
Kostüme:
Jessica Karge
Mit:
Graf Almaviva | Benjamin Russell * Gräfin Almaviva | Slávka Zámečníková * Susanna | Anna El-Khashem * Figaro | Konstantin Krimmel * Cherubino | Heather Engebretson * Marcellina | Franziska Gottwald * Basilio | Erik Biegel * Don Curzio | Osvaldo Navarro-Turres * Bartolo | Wolf Matthias Friedrich * Antonio | Wolfgang Vater * Barbarina | Stella An
Chor:
Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Orchester:
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Termine:

6. September 2020 - Premiere
12., 16., 18., 20., 25. September 2020
23. Oktober 2020
21. November 2020
9. Dezember 2020
30. Januar 2021
23. Mai 2021 - Internationale Maifestspiele

Trailer | »Die Hochzeit des Figaro«

Rezensionen:

Subtile Revolte
Oper an allen Orten, ja das gibt es wieder, aber in voller Länge nur am Staatstheater in Wiesbaden und jetzt auch mit Berührung und Küsschen, wie man es eben kennt. So geschehen zur jüngsten Premiere von Mozarts 'Die Hochzeit des Figaro' im Rahmen eines ‚Figaro-Triple‘ zum Saisonauftakt am Staatstheater Wiesbaden. Nach der Samstags-Premiere mit 'Der Barbier von Sevilla' folgte am Sonntagabend 'Die Hochzeit des Figaro'. Das Schauspiel 'Figaro lässt sich scheiden' von Ödön von Horváth ergänzt diesen Reigen. Die Premiere folgt coronabedingt in zeitlichem Abstand zu diesem Opern-Duo.
Positionierung
Intendant Uwe Eric Laufenberg, verantwortlich für die Inszenierung von Mozarts vieraktiger Opera buffa, positionierte sich damit einmal mehr in seinem Engagement um Grundrechte und Kultur in Corona-Zeiten, nicht minder emotional und provozierend wie in seinen Solo-Diskursen, nur wählte er in diesem Fall einen subtileren Weg. Wer Tilo Nests spritzigen 'Barbier von Sevilla' am Vorabend erlebt hatte, mochte stutzen. Das Figaro-Triple an sich suggerierte Fortsetzung einer wie auch immer kritischen Deutung. Verstärkt wurde diese Erwartungshaltung durch das Vorspiel zur Ouvertüre, die Einblendung des berühmten Figaro-Cartoon mit Tom und Jerry aus den 1960er Jahren als augenzwinkernde Zusammenfassung von Rossinis 'Der Barbier von Sevilla'. Auch im Bühnenbild knüpfte man an. Gisbert Jäkel hatte die für die Rossini-Premiere eingesetzte Balkonszenenfassade in der ersten Szene von 'Die Hochzeit des Figaro' eingebaut.
Spätestens ab dem ersten Kulissenwechsel war jedoch klar, dass nichts so sein würde wie am Vorabend. Laufenberg [...] lenkte den Fokus auf die Turbulenzen einer Gesellschaft, die einzig damit beschäftigt ist, dass er sie und sie nur ihn bekommt, hintergeht, betrügt, ersehnt, und das in einer zeitlosen wie unkritischen Gegenwart. Intensität wie Stimmigkeit erzielte er dabei durch eine in jeglicher Hinsicht ausgeklügelte Personenregie mit reichlich Raum für Entwicklung und Ausdruck der Charaktere.
Fest der Stimmen
So erlebten die 200 Besucher 'Die Hochzeit des Figaro' vor allem als ein Fest der Stimmen und der Spiellust, denn ausnahmslos jede und jeder der Solisten verstanden es, ihre Partien mit Leben auszufüllen und emotionale Empfindlichkeiten stimmlich nuanciert auszuloten, allen voran Heather Engebretson, überzeugend pubertär-knabenhaft in der Hosenrolle als Cherubino, Anna El-Kashem als entschieden selbstbewusste wie quirlige Susanna mit zartesten Tönen in ihren sinnlichen Arieninterpretationen, Slávka Zámečníková als kluge Gräfin Almaviva mit strahlendem Klang und Konstantin Krimmel als stimmlich wie charakterlich überraschend sensibler Figaro.
Kühne Taten
Benjamin Russel zeichnete Graf Almaviva als herrischen Großgrundbesitzer und Geschäftsmann, der auch mit seelenvollen Tönen zu überraschen verstand. [...]
Darauf konzentrierte Konrad Junghänel, Grandseigneur der kammermusikalisch ausgerichteten und historisch orientierten Aufführungspraxis, die Interpretation. Unter seiner Leitung gelangen dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden in einer für Mozart üblichen kleineren Besetzung Klarheit selbst in den turbulentesten Augenblicken, zarteste Momente und orchestrale Fülle. Der Chor, wie am Abend zuvor in kleiner Besetzung und dezent auf Abstand agierend, sang die huldvollen Partien überzeugend. So erlebte das Publikum genussreiche dreieinhalb Stunden, wobei man die Sänger immer wieder auf Tuchfühlung erlebte, wenn auch dezent, was der Darstellung aber eher intensitätssteigernd entgegenkam.
Auf Tuchfühlung
Alles wie gewohnt also, wären da nicht andere Opernhäuser, die Programme gnadenlos reduzieren, Freiluftorte zum Auftritt vorziehen, Publikumspausen streichen, Abstände verordnen und maximal reduzierte Kammerbesetzung auf der Bühne gestatten trotz Corona-Tagebüchern, reihenweiser Tests, streng eingehaltener Hygiene-Konzepte und sonstiger Vorsichtsmaßnahmen.
Dass in der Tat viel mehr geht, bewies Laufenbergs Regiearbeit, unmissverständlich in der Schlussszene provoziert, als alle das herrlichste Glück besangen und aufeinander losstürmten, sich berührten, umarmten, sich schließlich verbeugten, Schulter an Schulter, Hand in Hand, mit und ohne Mund-Nasenschutz gemäß der Empfehlungen im Bereich ‚Vorstellungs- und Probenbetrieb‘, der dem Einzelnen im letzten das Recht zugesteht, für sich zu entscheiden, was gut tut.

klassik.com, Christiane Franke, 08.09.2020

Alles halb so wild
Mozarts Weisheit nimmt Gestalt an im grandiosen Wiesbadener Ensemble für „Die Hochzeit des Figaro“
[...] Selbst diese Musik klingt in der sparsamen Besetzung noch lichter und luzider als sonst, die Sängerinnen und Sänger danken es mit einer selten so fein gehörten, detaillierten, Ton und Text in perfekte, humorvolle Übereinstimmung bringenden Darbietung (wieso darf eigentlich Richard Wagner das Alleinrecht für das „Gesamtkunstwerk“ beanspruchen).
Es wird zudem nicht nur vorzüglich gesungen, die Darstellerinnen und Darsteller sehen auch fabelhaft aus dabei (geschmackvolle Kostüme: Jessica Karge): Konstantin Krimmel als auch stimmlich jugendlich frischer Titelheld und seine Susanna, Anna El-Kashem mit ihrem golden leuchtenden Sopran; Graf Almaviva, der vehemente Benjamin Russell mit Problemhaar à la Boris Johnson und die Gräfin, Slávka Zámecníková, deren lyrisch-melancholisches Timbre gerade recht kommt, wenn man sich an süßen Frauenstimmen sattgehört hat. An „Tom und Jerry“ erinnert der Auftritt von Heather Engebretson als makelloser, erotisierender Cherubino. Das vorläufige Trio infernale Franziska Gottwald, Erik Biegel und Wolf Matthias Friedrich als Marcellina, Basilio und Bartolo ist keck und arg genug. Über der [...] lebendigen Aufführung liegen jedoch insgesamt eine unaufdringliche Selbstironie und eine weise Sanftmut, die hier draußen auch schön wären.

Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 08.09.2020

Der Mozart mit der Maus
[...] Von geradezu beglückender Qualität ist dieser neue „Figaro“, der [...] auch szenisch mit dem Einsatz von theatralischem Herzblut schlägt, in der Qualität seiner Besetzung. Konstantin Krimmel, der zuletzt mit einem sensationellen Liederabend in Wiesbaden gastierte, ist in der Fülle seines kultivierten Wohllauts ein hervorragender Figaro. Benjamin Russell lässt mit kraftvoll gereiftem Bariton als Graf Almaviva auch die Brutalität seines Machtmissbrauchs durchblicken. Ohnehin schärft Laufenberg seine Personenführung immer wieder sinnvoll. Etwa, indem er in der vierten Szene des 3. Aktes den eigentlich solistischen Auftritt des Grafen um die provozierende Präsenz des aufmüpfigen Paares Figaro und Susanna erweitert. Ein bisschen Revolution muss sein. Anna El-Khashem ist Figaros sinnlich aufblühende Braut, während Slávka Zámecníková das „Dove sono“ der Gräfin in edle Melancholie kleidet. Erfreuliches Wiederhören gibt es unter anderen mit Heather Engebretson als Cherubino, Franziska Gottwald als Marcellina, Erik Biegels Basilio, Stella An als Barbarina und Wolfgang Vater als Antonio. Das Publikum feiert Solisten, Orchester und Chor (Albert Horne) anhaltend.
Die „Figaro“-Besetzung gehört zum Besten, was man (nicht nur) in diesem Staatstheater in den vergangenen 30 Jahren gehört hat.

Wiesbadener Kurier, Volker Milch, 08.09.2020
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