Wolfgang Amadeus Mozart

Die Entführung aus dem Serail

28.03.2015
Musikalische Leitung:
Konrad Junghänel
Inszenierung:
Uwe Eric Laufenberg
Bühne:
Matthias Schaller
Kostüme:
Antje Sternberg
Mit:
Konstanze | Susanne Elmark || Belmonte | Mirko Roschkowski || Blonde | Gloria Rehm || Osmin | Wolf Matthias Friedrich || Pedrillo | Benedikt Nawrath || Bassa | Selim Ihsan Othmann
Chor:
Albert Horne
Orchester:
Hessisches Staatsorchester
Termine:

Spielzeit 2014.2015
Spielzeit 2016.2017

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

Rezensionen:

Bassa Selim, der Obertürke in Mozarts Türkenoper „Die Entführung aus dem Serail“, hat auf deutschen Bühnen schon viel mitgemacht, wurde am Kronleuchter aufgehängt, zum Bordellbesitzer ernannt oder – von Stefan Herheim in Salzburg – gar vollständig entpersonalisiert, sein Sprechtext auf die verbliebenen Mitspieler verteilt.

Uwe Eric Laufenberg, Wiesbadens Intendant und Regisseur der „Entführung“, hat schon 2008 in Potsdam diesem bewegten Bühnenleben eine weitere, durchaus interessante Variante hinzugefügt: Der Muslim, der am Ende die begehrte Konstanze samt Mitchristen in die Freiheit entlässt, hat seine europäische Herkunft verdrängt und ein Verständigungsproblem. Er spricht, bis ihm im utopischen Finale dann doch wieder der deutsche Text der geflügelten Schlussworte einfällt, nur arabisch oder kurdisch. Das hört sich, wenn der Schauspieler Ihsan Othmann, ein „native speaker“, als Terror-Rumpelstilzchen vor Wut aus seinem Anzug zu platzen scheint, ziemlich bedrohlich an – nach verhärteten Fronten im westöstlichen Kulturkampf, in dem der gute Belmonte als Waffenhändler mitmischt. Alle haben Dreck am Stecken.
Tatsächlich hat der Regisseur das Konzept unter dem Eindruck der Nachrichtenlage zugespitzt.

Ohnehin gibt es herzlichsten Applaus, der neben dem fulminanten Gastdirigenten Konrad Junghänel, Staatsorchester, Chor und Ensemble den Regisseur Laufenberg samt Team einschließt.

Volker Milch, Wiesbadener Kurier, 30.03.2015

Es geht, in aktualisierter Fassung, um den Zusammenprall zweier Kulturen, die lediglich auf der Arbeitsebene Verständigung suchen. Dabei schreibt sich das Abendland gerne einen historischen Vorsprung zu, der schon bei Mozart zur Diskussion steht. Am Ende der Oper entpuppt sich Belmontes Vater als der eigentliche Gewalttäter, während Selim, durch erlittenes Unrecht weise geworden, sich zu wahrer Verzeihung aufschwingt. In Wiesbaden wird diese Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit an anderer Stelle witzig ins Alltägliche gzogen, wenn Pedrillo und Blondchen sich als Folge ihrer Befreiung nur einen Strandurlaub vorstellen können. Von den großartigen Freiheiten macht man im konsumsatten Westen tatsächlich kaum Gebrauch, was es den Herrschenden leicht macht, sie nicht anzutasten.

Unangetastet bleibt in Laufenbergs Inszenierung auch die musikalische Substanz. Sie leidet gleichwohl an der wenig ausgeprägten Berreitschaft, sie in eine sinnerfüllte Beziehung zum konkreten Bühnengeschehen zu setzen. Unter der Leitung des mit Laufenbergs Kölner Version der "Entführung" ebenfalls vertrauten Konrad Junghänel pflegt das Hessische Staatsorchester ein geradliniges Spiel.

Benedikt Stegemann, FAZ, 31.03.2015

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, den der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg hier inszeniert, und tatsächlich liegt es nahe, Mozarts nur scheinbar harmlose „Türkenoper“ in die gefährliche Gegenwart zu übertragen und damit die Konflikte zwischen Muslimen und Christen, zwischen Morgen- und Abendland in den Blick zu nehmen. Dies gelingt einleuchtend, weil die ernste Problematik nicht überzogen wird und die Balance zwischen heiteren und bedrohlichen Szenen gewahrt bleibt.
Konrad Junghänel am Pult des Staatsorchesters Wiesbaden leitet die Premiere mit federnder Präzision und Sinn für die Spannweite der Musik Mozarts, die vom großen Opernstil bis zum leichtfüßigen Vaudeville reicht.
Einhellige Begeisterung beim Premierenpublikum.

Klaus Trapp, Darmdtädter Echo, 02.04.2015

Lieben und Verzeihen können – das sind die versöhnlichen Themen in Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail".

Morgenländliches Flair im abendländisch-klassischen Gewand – so zumindest empfanden Mozarts Zeitgenossen das ungewohnte "Tschingerassabumm" in der Ouvertüre zur "Entführung aus dem Serail". Die "Türkenoper" war Mozarts Durchbruch als freischaffender Komponist in Wien – und ist bis heute eine seiner meistgespielten Werke. Verständlich - zumal wenn, wie nun in Wiesbaden, Konrad Junghänel das Hessische Staatsorchester so ungemein leichtfüßig, präzise und lustvoll zum spitzfindigen, gestenreichen Kommentator des Geschehens werden lässt. Das allerdings mag hier so gar nicht zu den fulminanten Klängen passen. Mal ehrlich: Klingt das, was Schönsänger Mirko Roschkowski als zärtlicher Belmonte singt, nach einem fiesen Waffenhändler, der, Mafia-Sonnenbrille zum hellen Anzug, ein paar Kisten Kalaschnikows mitgebracht hat – quasi als Eintrittskarte in den Palast des Bassa Selim, in dem er seine entführte Konstanze wähnt?

Der weise Nathan lässt da grüßen – doch bei Laufenberg in Wiesbaden grüßt eher der Kalif von ISIS: Schwarz vermummt sind des Bassas Schergen – und zur "Marter-Arie" der standhaften Konstanze werden Folterszenen aus dem arabischen Winter an die Wand projiziert. Inmitten eines offenbar von Bomben ramponierten, von Schutt übersäten Palazzo-Saals trägt Konstanze - bravourös gesungen von der Amerikanerin Heather Engebretson - standhaft einen weißen Schleier-Umhang zu Bustier und Pluderhose, damit sie dazwischen möglichst viel Bauchnabel zeigen kann.

Bleibt in Wiesbaden aber unterm Strich: Ein Arabien-Bashing, das sich gewaschen hat – dadurch aber auch nicht sauberer wird. Mozart hatte Versöhnung im Sinn - Laufenberg nur ein plakatives Ätschi-Bätsch mit Hau-drauf-und-Schluss. Enttäuschend.

Ursula Böhmer, SWR2 Kultur, 30.04.2015

Von außen betrachtet ist das Bild vom Orient zweidimensional und gestrig. Ein hübsch gemalter Bühnenprospekt zeigt das Innere eines Palastes, ein friedlicher Ort wie im sanften Schein von Aladins Wunderlampe. Doch wenn die Protagonisten den Palast dann nach etlichen musikalischen Nummern endlich betreten, geht dieser Prospekt hoch und zum Vorschein kommt ein dreidimensionaler Raum von ganz anderem Nahost-Format: Ein karger grauschwarzer Bau mit klaffendem Loch in der Decke, eine bunkersprengende Bombe hat offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Das ist der wirkliche Palast des Bassa Selim.

Wolfgang Amadeus Mozart konnte 1782 noch eine Komödie schreiben über drei Entführte Europäer, die in der Hand eines moslemischen Paschas auf die Befreiung warten. Als Uwe Eric Laufenberg, der Intendant des Staatstheaters Wiesbaden, jetzt „Die Entführung aus dem Serail“ neu inszenierte (auf Basis seiner früheren Kölner Inszenierung), konnte naturgemäß nicht mehr alles reine Heiterkeit sein. Wenn Laufenberg das Opernpersonal in heutige Kostüme steckt, müssen zwangsläufig Kalaschnikows mit ins Spiel kommen und jede Frau muss einen Tschador tragen.

Wobei letzteres fürs Singen materialtechnische Lösungen verlangt oder ein stetes Ent- und Verhüllen. Oper ist für Ganzkörperschleier eben nicht gemacht. Alles Klischee, mag man zunächst denken, doch wie könnte es bei nahöstlichen Geiselnehmern zu Hause anders aussehen? Der IS schuf Bilder, die Mozart, wie auch?, nicht gekannt haben konnte.

Laufenbergs Inszenierung dieses deutschen Singspiels, wie es jetzt an seinem neuen Wiesbadener Haus Premiere hatte, balanciert zwischen der einst etwas naiv getexteten Komödie und dem hart-genauen Blick auf die wahren Verhältnisse von heute mit erstaunlicher Sicherheit. Die Verführung des Aufpassers Osmin zum Alkohol bleibt lustig, die Martern-Arie mit eingeblendeten authentischen Steinigungsbildern wirkt umso beklemmender. Was dabei ins Auge fällt: Die aufgereihten Tschador-Trägerinnen, jede einen Stein in der Hand für die anstehende Marternerfüllung der Konstanze, werfen Schatten an die Wand, die genau so aussehen wie sie selbst.

Beklemmend auch das: Der kurdische Schauspieler Ihsan Othmann, Darsteller der Bassa-Selim-Sprechrolle, sprach seinen Text in einer Mischung aus Kurdisch und Arabisch.

Damit erging es dem Publikum wie den gefangenen Europäern: Man verstand nichts. Hörte nur Bedrohliches heraus, Beängstigendes. Mit diesem Kunstgriff entschärfte Laufenberg das große Manko dieses Mozart-Singspiels, den recht infantilen deutschen Text. Ungeahnt engagiert agierte das Orchester, das extrem pulsierend seinen Mozart antrieb.

Das Herz dabei: Konrad Junghänel, eine der vergleichsweise stillen Exegeten der historisch informierten Aufführungs- und vor allem Singpraxis seit den 1970ern, mit pumpenden Armbewegungen hielt er die Musik höchst lebendig in jeder Phase. Besser als unter Junghänels Leitung spielten die Wiesbadener noch nie Mozart.

Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau, 30.03.2015
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